26. September 2016

Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Harter Triathlon statt Wirtschaftswunder

Vor einem Jahr haben Konzerne die Flüchtlinge als neues Wirtschaftswunder gefeiert. Studien schätzen heute, dass sich nur zehn Prozent leicht in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren lassen. Was aber muss passieren, damit auch die anderen Asylbewerber die Chance auf einen Job haben? Darüber diskutierten Arbeitsmarkt-Experten von Diakonie und Jobcentern jetzt in Aachen.

Junger Flüchtling trägt ein Tablett mit Gläsern

Kellner mit Leib und Seele: Geraldo Papa

Kein Kaffee und Gebäck mehr da? Kein Problem. Der 27-jährige Iraner Abolfalz Jafari eilt sofort herbei und legt nach. Auch der 20-jährige Albaner Geraldo Papa flitzt im Aachener "Hotel Total" geschickt mit Tabletts, Tellern und Kannen zwischen Stühlen, Tischen, Kunstwerken, Chorraum und Kanzel umher.

Beide sind sichtlich bemüht, die rund 70 Gäste der Fachtagung in der leerstehenden St. Elisabeth-Kirche, die für drei Monate in ein Hotel umwandelt wurde, perfekt zu versorgen. "Einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie zu bekommen, das wäre mein Traum", meint Geraldo und Abolfalz nickt dazu. "Ich hoffe, durch dieses Projekt finde ich einen Job."

Die Chancen stehen gut. Die gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft "low tec" Düren mbH, Mitglied des Evangelischen Fachverbandes für berufliche und soziale Integration (FABI) in der Diakonie RWL, beteiligt sich an dem Aachener Hotelprojekt – und hatte die FABI-Mitglieder daher zur Mitgliederversammlung und einem Fachtag über die "Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen" an diesen besonderen Ort eingeladen.

Kreativer Tagungsort: das Hotel Total in der Aacher St. Elisabeth-Kirche

"Wir unterstützen viele Flüchtlinge zwischen 17 und 27 Jahren bei der Berufsorientierung, vermitteln Praktika, aber auch Ausbildungen", erzählt "low tec"-Projektleiter Michael Omsels.

Initiiert wurde das "Hotel Total" von drei Aachener Designerinnen, die einen kreativen Ort schaffen wollten, an dem Menschen und Kulturen zusammenkommen. Bis Oktober steht die Kirche mit ihren fünf künstlerisch gestalteten Kuben, die als Schlafräume dienen, offen. Dann ist das Projekt erst einmal beendet.

Königsweg zur Integration: Praktika

Initiativen zur Vermittlung geflüchteter Menschen in den Arbeitsmarkt gibt es inzwischen viele. Ein weiteres Beispiel ist das zweijährige Projekt "Welcome @ Work" des gemeinnützigen Qualifizierungs- und Beschäftigungsunternehmens "renatec" der Diakonie Düsseldorf. Es startete im August vergangenen Jahres und bietet Intensiv-Sprachkurse und Bewerbungstrainings für Flüchtlinge aus über 40 Staaten an, kümmert sich um Praktika und Ausbildungsplätze. Von den rund 100 Teilnehmern konnte Projektleiterin Marlies Heeke bislang 29 geflüchtete Menschen in Praktika, zwölf in einen Job und fünf in eine Ausbildung vermitteln. "Der Königsweg sind Praktika", berichtete sie auf der Tagung. 

Gruppenbild mit Dame

Marlies Heeke vom Projekt "Welcome @ Work" mit "ihren" Flüchtlingen

Gut ein Jahr nach dem Start stellen immer mehr Arbeitsmarktinitiativen für geflüchtete Menschen fest, dass der Weg zum Job für die meisten Flüchtlinge mühselig und lang ist. Am Anfang stehen Sprach- und Berufsorientierungskurse, Praktika, Ausbildungen – und dann, in vielen Jahren, vielleicht ein gut bezahlter Job als Fachkraft.

Die große Euphorie des vergangenen Jahres, mit den Asylsuchenden den Fachkräftemangel in Deutschland beheben und ein neues Wirtschaftswunder erzeugen zu können, ist längst verflogen.

"Die Integration geflüchteter Menschen ist kein Sprint, sondern ein Ausdauersport", betonte der Staatssekretär des NRW-Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales, Thorsten Klute. "Ich vergleiche es mit einem klassischen Triathlon, denn es geht um Bildung, Arbeit und Wohnen."

Gruppenbild auf Treppe vor Kirche

Podiumsdiskussion mit Manfred Kusserow, Moderator Helmuth Schwarz, Dietmar Gutschmidt, Stefan Graaf und Michael Stelzner (v.l.)

Jobcenter stehen vor einem "Bildungsmarathon"

Da ist viel Geduld gefragt. Zumal die Asylverfahren sehr lange dauern und vom Aufenthaltsstatus der geflüchteten Menschen abhängt, ob sie einen Anspruch auf Sprach- und Berufsqualifizierungskurse haben, einen Bildungsgutschein und eine Arbeitserlaubnis erhalten. "Zu uns ins Jobcenter kommen Menschen, die schon fast zwei Jahre in Deutschland sind, aber in dieser Zeit ist in Sachen Integration gar nichts passiert", kritisierte Stefan Graaf vom Jobcenter Aachen. Viele müssten erstmal alphabetisiert werden. Doch dafür sei die Infrastruktur nicht ausgerichtet, da Wirtschaft und Politik mit ganz anderen Flüchtlingen gerechnet hätten. 

Er teile die Einschätzung einiger Studien, nach denen nur zehn Prozent der geflüchteten Menschen sofort als Fachkräfte integrierbar seien, so Graaf. Zwischen 20 und 40 Prozent seien mit entsprechenden Sprach- und Berufsqualifizierungsmaßnahmen vermutlich in vier bis fünf Jahren fit für den deutschen Arbeitsmarkt. "Aber wir haben rund 50 Prozent, bei denen wir uns auf einen Bildungsmarathon einstellen müssen."

Gruppenbild auf Treppe vor Kirche

Im Projekt "Wegbereiter" hat Michael Stelzner (Mitte oben) Migranten  zu Flüchtlingshelfern ausbilden lassen

"Es muss ein Umdenken in Politik und Wirtschaft stattfinden", forderte der FABI-Vorstandsvorsitzende Michael Stelzner. "Die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt braucht viel Qualifizierung und Begleitung. Dafür müssen sich Betriebe stärker öffnen." Der Geschäftsführer der NEUE ARBEIT ESSEN, eines selbstständigen Arbeitshilfeträgers der Diakonie Essen, verwies dabei auf das Projekt "Wegbereiter". Dabei werden Migrantinnen und Migranten, die schon über zehn Jahre in Deutschland leben und arbeitslos sind, zu Flüchtlingshelfern ausgebildet. "Das Projekt war für viele ein Sprungbrett in eine neue berufliche Zukunft. Doch dafür haben sie lange gebraucht." 

Klares Bekenntnis zum öffentlich geförderten Arbeitsmarkt

Dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im kommenden Jahr erstmals wieder durch die neu zugewanderten Menschen steigen wird - darin waren sich die Arbeitsmarktexperten einig. Doch damit sie nicht dauerhaft in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschen, müssten andere, langfristige Programme aufgelegt werden, betonte Dietmar Gutschmidt vom Jobcenter Essen. "Im SGB II-Bereich gibt es eine Vielzahl von Sonderprogrammen und Regelungen. Da steigt kein Mensch mehr durch." Statt zeitlich befristeter Maßnahmen und Projekte, mit denen Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge gefördert werden sollten, müsse es endlich ein "klares Bekenntnis zu einer langfristigen öffentlich geförderten Beschäftigung geben, die finanziell gut abgesichert ist". 

Michael Stelzner in Diskussion mit Thorsten Klute (rechts)

Auch Thorsten Klute sprach sich für einen dauerhaft geförderten öffentlichen Arbeitsmarkt aus, verwies aber auf die „vielen Auseinandersetzungen“ um dieses Thema auf Bundesebene. Manfred Kusserow von der Bundesagentur für Arbeit, der auch Mitglied im sozialethischen Ausschuss der Evangelischen Kirche im Rheinland ist, appellierte an Kirche und Diakonie, weiterhin Druck zu machen – und mit gutem Beispiel voranzugehen.

"Sie müssen an dem Thema Integration von Menschen in Arbeit dran bleiben und mit Ihren Initiativen und Projekten zeigen, dass es geht."  

Text: Sabine Damaschke

Fotos: Sabine Damaschke/Michael Mauer

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, Jugendsozialarbeit
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