17. Juni 2016

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Die Sehnsucht nach Leichtigkeit - Junge Flüchtlinge in der Graf Recke Stiftung

Rund 2.000 Plätze haben Jugendhilfeeinrichtungen der Diakonie RWL für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geschaffen. Alle wollen möglichst schnell ein neues Leben in Deutschland beginnen. Doch welche Wohnmodelle sind dafür sinnvoll? Die Graf Recke Stiftung bietet ganz verschiedene Gruppen an.

Zwei junge Flüchtlinge stehen im Büro hinter Sozialarbeiter Oliver Nickel

Oliver Nickel mit zwei Jugendlichen in seinem Büro (Fotos: Graf Recke Stiftung)

Die sechs Jugendlichen am Küchentisch albern mit ihren Erziehern und Pädagogen herum, setzen sich gegenseitig ihre Basecaps auf und wieder ab und machen alle einen mehr oder weniger fröhlichen Eindruck. Dabei ist ihre Geschichte alles andere als unbeschwert: Die 15- bis 17-jährigen Jungen sind gerade erst in Deutschland angekommen, unter oft dramatischen Umständen geflohen aus Afghanistan, allein, ohne Eltern oder erwachsene Begleitpersonen.  Sie gehören zur ersten Aufnahmegruppe der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf, in der sich nur unbegleitete minderjährige Jugendliche befinden, die gerade erst vom Jugendamt in Obhut genommen wurden.

Grundbedürfnisse stehen im Fokus

Insgesamt hat die Graf Recke Stiftung 2015 fast 60 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, kurz UMF, aufgenommen. In diesem Jahr sind etwa 30 hinzugekommen. Der Großteil befindet sich in eingestreuten Wohngruppenplätzen und Apartments quer durch alle Angebote. Mit der Aufnahmegruppe betritt die Graf Recke Erziehung & Bildung Neuland. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die bisher hierher kamen, hatten das so genannte Clearing schon durchlaufen. Ihr Platz in der Wohngruppe oder betreut im eigenen Apartment ist die Anschlussmaßnahme nach der ersten Aufnahme.

"Wir setzen den Fokus hier nicht - wie in klassischen Jugendhilfegruppen - auf Erziehung, sondern erfüllen zunächst Grundbedürfnisse", erläutert Teamleiter Oliver Nickel. Wenn die Jugendlichen nach ihrer oft wochenlangen Flucht mit häufig dramatischen Erfahrungen ankommen, dann benötigen sie viel Ruhe, Rückzugsmöglichkeiten, Schlaf, Essen, Kleidung – und andererseits auch Tagesstruktur und Beschäftigung. Deshalb arbeitet die Stiftung mit Sportvereinen zusammen.

Oliver Nickel sitzt hinter aufgeklapptem Laptop, neben ihm steht Suzane Turkie

Suzane Turkie, Oliver Nickel

"Es ist ein Spagat, beides zu bieten", sagt Nickel. Wie die Angebote angenommen werden, hängt vom Einzelnen ab. Der eine redet über seine Fluchtgeschichte, der andere kaum. Generell sei der kulturelle Hintergrund gerade im orientalischen Raum einer therapeutischen Aufarbeitung manchmal hinderlich, meint Gruppenmitarbeiterin Suzane Turkie: "Wer zum Therapeuten geht, gilt oft als verrückt."

Sprachkurs und Schulbesuch haben Priorität

"Türöffner", betont Teamleiter Nickel, "ist die Sprache". So schnell wie möglich gehen die jungen Flüchtlinge in den Sprachkurs. Die Schule besuchen sie meist schon nach ein paar Wochen. Und auch Vormünder werden in relativ kurzer Zeit gefunden. "Das funktioniert hier ziemlich schnell", lobt Oliver Nickel die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jugendamt.

Nach drei Monaten im geschützten Raum in der Aufnahmegruppe und nach Abschluss des Clearings setzen sich die Pädagogen mit dem Vormund und dem Jugendamt zusammen, um die Anschlussmaßnahmen zu besprechen. Die Pädagogen geben dazu ihre Empfehlung ab, ob eine Verselbstständigungsgruppe oder sogar ein eigenes Apartment angebracht ist oder aber eine Regelwohngruppe.

Flüchtlinge halten sich schnell an Regeln

Das wäre dann eine klassische Jugendhilfemaßnahme. Dennoch sehen die meisten Erzieher einen deutlichen Unterschied zu dem, was sie in der Mehrzahl der Fälle in Jugendhilfeangeboten erleben: "Die flüchtenden Jugendlichen haben eine ganz andere Motivation, einen großen Ehrgeiz, hier weiterzukommen", hat Oliver Nickel beobachtet. "Deshalb haben wir hier, anders als in anderen Gruppen, kein großes Regelwerk", so Nickel weiter. Empathisch, respektvoll und trotzdem klar möchte er mit den jugendlichen Flüchtlingen umgehen.

Oliver Nickel sitzt zu Kopf an einem Tisch mit jungen Flüchtlingen

Oliver Nickel legt gemeinsam mit den Jugendlichen Regeln fest

Selbstverständlich gibt es Regeln, vieles stellen die Erzieher aufgrund der Sprachbarrieren bildlich dar: feste Bett- und Ausgehzeiten, Rauchverbot im Zimmer – und klar: die Schulpflicht. Feste gemeinsame Essenszeiten sind ohnehin selbstverständlich für die acht afghanischen Jungs, hat Oliver Nickel festgestellt. Essen sei ihnen wichtig, denn viele hätten die Erfahrung gemacht: "Wenn ich was zu essen habe, esse ich, weil ich nicht weiß, ob ich morgen noch was habe."

Manchmal fließen auch Tränen

In der afghanischen Kultur spielt die Musik eine große Rolle. Als Oliver Nickel kürzlich in die Gruppe kam, fand er die Jungs tanzend vor – die Hauswirtschafterin mittendrin! Doch manchmal, oft bei den abendlichen Gruppengesprächen mit den Dolmetschern, fließen auch Tränen. Etwa dann, wenn einer der Jugendlichen vergeblich versucht hat, seine Familie zu erreichen.


Deshalb sei noch etwas anders als in anderen Wohngruppen der Jugendhilfe, sagt Nickel: "Wenn das zugeteilte Taschengeld nicht reicht, gibt es oft noch mal Extra-Guthaben fürs Handy. Das Smartphone ist für die Jungs sehr, sehr wichtig, um zumindest ein wenig Kontakt nach Hause zu halten.“ Wenn sie länger da sind, hat Suzane Turkie beobachtet, wenn sie sich sicher fühlen, dann verweigerten sie auch schon mal eine Aufgabe, schwänzten die Schule und testeten Grenzen. "Wir empfinden das gar nicht als schlecht", meint Suzane Turkie. "Das hat etwas mit Ankommen zu tun, wenn sie doch eigentlich normales jugendliches Verhalten zeigen und nicht ängstlich-angepasst, sondern ganz normal sind."

Text: Roelf Bleeker

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (3 Stimmen)