12. Juli 2016

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Sprache ist der Schlüssel – Wie gebrauchte Computer beim Deutschlernen helfen

Das neue Integrationsgesetz verpflichtet Flüchtlinge zum Lernen der deutschen Sprache. Doch viele bekommen gar nicht die Chance auf einen Deutschkurs, weil alle Plätze belegt sind. In Aachen hat die Diakoniestiftung des Kirchenkreises deshalb Sprachlerntreffs mit gebrauchten Computern und Sprachlernprogrammen eingerichtet.

Zwei Flüchtlinge sitzen mit Headset vor zwei Laptops

Begehrte Plätze: Zwei Flüchtlinge lernen an Laptops in Kalverbenden

Konzentrierte Stille herrscht in dem kleinen Raum der Aachener Flüchtlingsunterkunft Kalverbenden. Vier Laptops stehen auf den Tischen, davor sitzen Vater und Sohn der Familie Ketto aus dem Irak und zwei Brüder aus Syrien, Abdulrazak und Amad. Alle haben ein Headset auf dem Kopf und ein Vokabelheft neben sich liegen. Leise murmeln sie deutsche Vokabeln vor sich hin, während sie auf den Computerbildschirm blicken. Seit Februar lernen die Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Iran und Irak mit der Lernsoftware "Rosetta Stone" Schritt für Schritt die deutsche Sprache. Sie müssen nicht länger warten, bis sie endlich einen der begehrten Plätze in einem Deutschkurs bekommen.

Betreut werden die Flüchtlinge beim Sprachenlernen von Daniel Silbermann aus Argentinien und Marivee Claros aus Spanien. Die beiden jungen Helfer bringen viel Einfühlungsvermögen und vor allem auch eine Menge Spaß für ihre Tätigkeit mit. Die Atmosphäre ist locker, aber natürlich mit der notwendigen Konzentration.

Schon über 100 Laptops im Einsatz

Die Möglichkeit, sich Deutsch mit einer Lernsoftware zu erschließen, ist begehrt. In drei Schichten können die Schüler pro Tag arbeiten. Einheiten und Lektionen bauen bei dem Sprachlernprogramm aufeinander auf. Im Mittelpunkt stehen praktische, lebensnahe Begriffe und Redewendungen, eben all das was man benötigt, um möglichst schnell den Alltag im neuen Heimatland angehen zu können. Über Kopfhörer können die Schüler Textbeispiele hören und nachsprechen, die Spracherkennungssoftware korrigiert und verbessert die Aussprache. So kommt der Lernende schnell ins Reden und Hemmschwellen zur Verwendung der neuen Sprache werden abgebaut.

Martin Obrikat beugt sich über einen Flüchtling mit Laptop

Martin Obrikat (r.) möchte das Projekt gerne ausweiten

Einen Sprachlerntreff wie in der Flüchtlingsunterkunft Kalverbenden gibt es in Aachen noch an zwanzig weiteren Orten. Im Dezember hatte die Evangelische Stiftung für Kirche und Diakonie im Kirchenkreis Aachen für ihr Projekt "Sprache ist der Schlüssel" zu Spenden aufgerufen. Neben Geld für den Kauf von Software-Lizenzen für "Rosetta Stone" wurde auch um die Spende alter Laptops gebeten, auf denen man das Sprachlernprogramm installieren konnte."

"Fast 120 Lizenzen für Rosetta Stone haben wir inzwischen erworben und auf gespendeten Geräten installiert", berichtet Pfarrer Martin Obrikat, Vorstand der Stiftung für Kirche und Diakonie des Kirchenkreises und Leiter des Projekts. „Die Resonanz ist hervorragend.“ Doch Obrikat möchte das Projekt gerne noch ausweiten. "Wir möchten weitere Sprachlerntreffs in den 13 evangelischen Kirchengemeinden zwischen Blankenheim in der Eifel und Baesweiler nördlich von Aachen als Anlaufstellen für Flüchtlinge einrichten."

Großes Interesse am Deutschlernen

Die ersten Erfahrungen mit den Sprachlerntreffs sind durchweg positiv, so zum Beispiel auch im Martin-Luther-Haus der Evangelischen Familienbildungsstätte in Aachen. "Für die Flüchtlinge ist es wichtig, hier Anschluss und Geborgenheit zu finden", sagt Karin Blankenagel, Leiterin der Einrichtung. "Das soziale Miteinander im Alltag gibt ihnen viel, hilft gerade den Jüngeren, ein Stück neue Heimat fernab der Familie zu finden." Im Martin-Luther-Haus gibt es schon lange Sprachkurse. Im Selbstlernzentrum, das von der Evangelischen Stiftung für Kirchen und Diakonie ausgestattet wurde, sind momentan vier Standgeräte mit dem Sprachlernprogramm Rosetta Stone bespielt.

Flüchtling sitzt vor Laptop

Besonders bei Flüchtlingen mit hohem Bildungsabschluss ist das selbstständige Lernen beliebt

"Damit werden schnelle Erfolge erzielt", erzählt Blankenagel aus ihren bisherigen Erfahrungen im Umgang mit den Sprachschülern. Vor allem solche Flüchtlinge mit hohem Bildungsabschluss und Frauen würden gerne selbstständig lernen. "Zwei Flüchtlingsfrauen aus der gegenüberliegenden Unterkunft lernen seit einiger Zeit mit der Software. Sie können nicht regelmäßig in einer normalen Gruppe am Deutschkurs teilnehmen. Für sie und viele andere in ähnlicher Situation ist es angenehmer, allein lernen zu können."

Es sind gerade die Flüchtlinge, die in offiziellen Integrationskursen noch keinen Platz bekommen haben, die die Sprachkurse im Martin-Luther-Haus besuchen. Der Wille der meisten neuen Mitbürger, die deutsche Sprache zu erlernen, sei groß, meint Blankenagel. Dabei hilft das Martin-Luther-Haus als ein Ort der Begegnung, an dem momentan rund 200 Flüchtlinge allen Alters fleißig Vokabeln lernen. "Der fortlaufende Austausch hier bei uns schafft über den Lernprozess hinaus eine Integration, gibt den Teilnehmern eine Zukunftsperspektive", freut sich die Leiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte.

Text: Nina Krüsmann/Sabine Damaschke

Fotos: Nina Krüsmann

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (8 Stimmen)