28. September 2016

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Iraner im sozialen Einsatz – Solinger Kirche beschäftigt Flüchtlinge als Bufdis

Mit einem freiwilligen sozialen Jahr zur Ausbildung oder zum Job – Das soll auch für Asylbewerber möglich sein. Doch der Ende 2015 eingerichtete "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug" läuft nur schleppend. Um die bürokratischen Hürden zu überwinden, sind Ausdauer und Ideen gefragt. Das zeigt das Beispiel der iranischen Flüchtlinge Milad Ahmadi und Mostafa Hasanzade aus Solingen. 

Gruppenbild vor Kirchenportal

Milad Ahmadi und Mostafa Hasanzade mit Pfarrer Christian Lerch

Als sie in ihrer Flüchtlingsunterkunft in Solingen im September 2015 zum ersten Mal das Läuten der Kirchenglocken hörten, fühlten sich die beiden Iraner Milad Ahmadi und Mostafa Hasanzade wie befreit. Sie folgten dem Klang der Glocken und landeten im Gottesdienst der Evangelischen Lutherkirche.

"Die große Kirche, der laute, schöne Gesang, die freundlichen Menschen – all das hat uns fasziniert", erzählt der 24-jährige Milad. "Im Iran mussten wir um unser Leben fürchten, weil wir als Muslime zum Christentum konvertiert sind." Lautes Singen, Beten und Reden gab es in ihrem Gottesdienst nicht. Es wäre zu gefährlich gewesen. Die Gemeinden ihrer kleinen Hauskirchen trafen sich heimlich und still in Hinterhöfen.

Auf ihrer Flucht nach Deutschland haben sich Milad und der 23-jährige Mostafa kennengelernt und angefreundet. Heute leben sie zusammen in einer Wohnung. Beide ließen sich in der Lutherkirche taufen und nehmen aktiv am Gemeindeleben teil. "Es hat viele Gemeindemitglieder beeindruckt, was sie für ihren Glauben im Iran riskiert haben", sagt Pfarrer Christian Lerch. "Durch sie hat die Flüchtlingskrise ein konkretes Gesicht bekommen."

Aussenansicht Lutherkirche

Das Glockengeläut der Lutherkirche lockte die Iraner in den Gottesdienst

Keine Chance auf dem Arbeitsmarkt

Die Gemeinde half Milad und Mostafa beim Deutschlernen, organisierte ihre Wohnung und wollte sie auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen. Doch damit begannen die Probleme. Die beiden Iraner hatten zwar eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis, konnten aber bis Ende August noch keinen Asylantrag stellen. "Ohne Asylantrag aber haben die Flüchtlinge keine Chance auf dem Arbeitsmarkt", weiß der 39-jährige Pfarrer. 

So kam das Presbyterium auf die Idee, selbst eine Stelle für die beiden Iraner einzurichten – und zwar im Rahmen des Ende 2015 eingeführten Bundesfreiwilligendienstes mit Flüchtlingsbezug. Milad und Mostafa sollten in der Kirchengemeinde den Küster und Hausmeister unterstützen. Milad hatte im Iran als Schweißer gearbeitet, Mostafa als Baggerführer. Die praktische Arbeit in der Gemeinde passte also und bot beiden zudem die Möglichkeit, den Berufsalltag in Deutschland überhaupt erstmal kennenzulernen. 

Portrait

Für seine Bufdis musste Pfarrer Christian Lerche viele bürokratische Hürden nehmen

"Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe hat schnell reagiert und wollte Milad und Mostafa in den Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug aufnehmen", berichtet Christian Lerch. Doch auch hier stießen Kirche und Diakonie auf unüberwindbare bürokratische Hürden.

Zwar hatte Lerch nach vielen Behördengängen eine Beschäftigungserlaubnis für die beiden Iraner bekommen, aber ihr noch ungeklärter Aufenthaltsstatus sorgte dafür, dass der Diakonie RWL die Hände gebunden waren.

Sonderprogramm mit vielen Hürden

"Wir erleben leider immer wieder, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in dieses Sonderprogramm an Fragen des Aufenthaltsrechts und der Beschäftigungserlaubnis scheitert", kritisiert der Leiter des Zentrums Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL, Jürgen Thor. Nur zwanzig Flüchtlinge hat der Sozialverband bislang in seinem Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug, weit weniger als gedacht und geplant. Insgesamt können es aber noch rund 200 Plätze im Sonderprogramm "BFD ohne Grenzen" werden, da viele junge Deutsche sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, unter anderem in der Jugendhilfe und in Kindertagessstätten.

Portrait

Gut gerüstet für Gartenarbeiten: Milad 

Bundesweit sollten in diesem Jahr 10.000 zusätzliche Stellen im Rahmen des neuen Programms geschaffen werden. Doch davon sei man noch weit entfernt, so Thor. Bisher sind laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln nur knapp die Hälfte der Stellen entstanden, rund 1.500 davon sind mit Asylberechtigten und Asylbewerbern belegt. Den beiden Iranern wollte die Diakonie dennoch die Chance auf ein soziales Jahr im Bundesfreiwilligendienst geben. "Er ist bei Arbeitgebern hoch angesehen und öffnet auch unseren Teilnehmern mit schwierigen Berufsbiografien immer wieder Türen auf den regulären Arbeitsmarkt", so Thor.

Austausch mit anderen Freiwilligen

Seit Juni gehören Milad und Mostafa nun zu den rund 1.000 Bufdis, die von der Diakonie RWL an ihren Einsatzstellen in Gemeinden, kirchlichen und diakonischen Einrichtungen und in Bildungsseminaren betreut werden. "In den Seminaren haben wir andere junge Leute kennengelernt und mehr über das Leben und die Kultur in Deutschland erfahren", sagt Mostafa. Außerdem gibt der Austausch mit den anderen Freiwilligen den jungen Iranern Einblick in weitere kirchliche und soziale Berufsfelder, in denen dringend Mitarbeiter gesucht werden, etwa der Altenpflege oder Behindertenhilfe.

Portrait

Lieber als der Garten ist Mostafa ein Fußballplatz 

Noch wissen Milad und Mostafa nämlich nicht genau, was sie später beruflich in Deutschland machen möchten. Als verfolgte Christen, denen im Iran Gefängnis droht und die, wie Mostafa erzählt, "als Ungläubige von jedem Moslem getötet werden dürfen", haben sie gute Bleibeperspektiven.

Mit ihrem tatkräftigen Engagement für die Kirchengemeinde wollen sie gerne ein Stück von dem, was die Menschen dort für sie getan haben, zurückgeben. Der Weg in einen sozialen Beruf ist also durchaus möglich. Sein Traumjob aber, so gibt Mostafa zu, sieht ganz anders aus. "Fußballtrainer in Deutschland – das habe ich mir schon als Kind gewünscht", sagt er. Erste Erfolge kann Mostafa immerhin nachweisen: Er trainiert ein Flüchtlingsteam, das neulich sogar 8:1 gewonnen hat.

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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