11. Oktober 2016

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Mit dem Kidsmobil in Essen unterwegs

Die deutsche Sprache und Kultur lernen geflüchtete Kinder besonders schnell in einer Kita. Doch es gibt in NRW nicht genug Plätze. Deshalb kommen Erzieherinnen und Erzieher im Rahmen sogeannter "Brückenprojekte" zu den Kindern. Das "Kidsmobil" der Diakonie Essen ist mit regelmäßigen Gruppenangeboten in den Übergangswohnheimen und Zeltdörfern der Stadt unterwegs.

Gruppe von Flüchtlingskindern

Freuen sich auf den Besuch der Erzieherinnen: Flüchtlingskinder in Essen

Eine Handvoll Kinder spielt im Innenhof des Essener Übergangswohnheims in der Hülsenbruchstraße zwischen bunten Matten. Ein Junge fährt ein paar wackelige Rollschuhschritte übers Pflaster, zwei kleine Mädchen frisieren Barbie-Puppen.

Nach und nach werden noch mehr Kinder von ihren Eltern gebracht. Ein paar Mütter gucken noch eine kleine Weile zu, ehe sie sich wieder zurückziehen. Keines der Kinder weint oder klammert. Schon Zweijährige kommen zielstrebig und selbstbewusst die kleine Treppe zum Hof hinuntermarschiert. Jeden Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sind Silke Pichler und Emina Temovič vormittags vor Ort und bieten eine verlässliche Betreuung für alle noch nicht schulpflichtigen Kinder in diesem Übergangswohnheim an.

Sie gehören zum 14-köpfigen Team der Kindertagesbetreuung für Flüchtlinge des Diakoniewerks Essen, das in insgesamt acht Übergangswohnheimen und den Essener Zeltdörfern unterwegs ist. Dort, wo es nicht genug Platz für Spielmaterialien und eine Kinderbetreuung gibt, reisen die Mitarbeiter mit ihrem "Kidsmobil" an.

Silke Pichler sitzt mit Flüchtlingskind auf einer Decke

Silke Pichler spielt mit Flüchtlingskind Li Ich

Halt erfahren und Regeln lernen

Silke Pichler und Emina Temovič arbeiten im Zweierteam und sind fest an die Unterkunft in der Hülsenbruchstraße angegliedert. Dort betreuen sie derzeit 19 Kinder zwischen null und sechs Jahren. Zuerst kommen die Größeren, gegen Mittag die Babys.

Einen Raum zum Spielen geben, einfach nur Kind sein dürfen, aber auch Halt erfahren, Regeln lernen, darauf vorbereitet werden, vielleicht irgendwann doch einen Platz in einem Kindergarten zu bekommen oder in die Schule zu gehen. Das ist das Ziel der Kindertagesbetreuung für Flüchtlinge, die eine wichtige Brücke zu Kita und Schule darstellt.

"Viele geflüchtete Kinder sind sehr auf sich gestellt, ihnen tut es gut, wenn wir ihnen hier einen verlässlichen Rahmen bieten", erzählt Nadine Wenning, Koordinatorin der Kindertagesbetreuung für Flüchtlinge im Diakoniewerk Essen. Verlässlichkeit und Kontinuität haben diese Kinder zumeist nie kennengelernt und auch dieses Übergangswohnheim wird für sie nur ein Zuhause auf Zeit sein.

Ministerin sitzt auf dem Boden, im Kreis von Flüchtlingskindern

NRW-Familienministerin Christina Kampmann zu Besuch im Kidsmobil-Projekt

Inzwischen gibt es rund 800 Brückenprojekte in Nordrhein-Westfalen, die ähnlich wie das "kidsmobil" arbeiten und laut Familienministerium von über 6.600 Kindern besucht werden können. Im vergangenen Jahr stellte das Land dafür rund sechs Millionen Euro zur Verfügung, 2016 sind es bislang sogar 20 Millionen Euro.

Verkehrsregeln unbekannt

"Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell die Kinder Deutsch lernen", berichtet Silke Pichler. Wenn sie an die ersten Ausflüge denkt, die sie mit ihrer Kollegin und den Kindern zu Spielplätzen in der Umgebung unternommen hat, muss sie lächeln. Anfangs war das ein wirklich mutiges Unterfangen. "Die meisten Kinder kannten keinerlei Verkehrsregeln, verstanden nicht, warum man an einem Bahnübergang halten muss. Im Grunde konnten wir nur so viele Kinder mitnehmen, wie wir unterwegs an der Hand halten konnten."

Das hat sich geändert. Jetzt betreuen Silke Pichler und Emina Temovič sehr viel mehr Kinder. Es hat sich herumgesprochen, dass sie eine gute Arbeit leisten. "Wir arbeiten hier in einem engen Austausch mit den Sozialarbeitern und Heimbetreuern", erklären Silke Pichler und Emina Temovič. Und auch wenn für viele Eltern das Angebot einer institutionellen Betreuung von kleinen Kindern bisher unbekannt war, haben sie es dankbar und gern angenommen. Spüren die Entlastung und den Halt, den dieses Angebot schafft, für ihre Kinder und sogar für sie selbst.

Flüchtlingskind lacht und hält Möhre in der Hand

Nasham Abu Khaesh ist glücklich über die erste Möhre, die sie gezogen hat

Etwas Grün macht den Unterschied

Zum Beispiel haben Silke Pichler und Emina Temovič auf dem sonst eher tristen Innenhof mit den Kindern einen kleinen Garten angelegt. Eigentlich nur ein schmaler Streifen Mutterboden, aber der macht so viel aus. Nicht nur die Kinder, alle kommen gern hierher, bestaunen die Möhren und Tomaten, kommen darüber ins Gespräch. Zum Thema "Garten" hat jeder etwas zu sagen.

Doch das kleine Gartenidyll kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeit, die Silke Pichler und Emina Temovič leisten, nicht immer leicht ist. "Als wir Anfang des Jahres angefangen haben, dachte ich, es gäbe ein festes Konzept und das hätte ich halt zu füllen", erzählt Silke Pichler. Doch so war es nicht. Vielmehr erwartete die Erzieherin ein komplett neues Arbeitsgebiet, an das alle sich erst herantasten mussten. Ausprobieren, schauen, was funktioniert und was nicht. Sich immer wieder gut austauschen. Ein Lernfeld für alle. Manchmal schön und manchmal am Rande der eigenen Belastbarkeit.

Zwei kleine, nasse Mädchen, eingewickelt in Handtücher

Spaß haben und die Flucht vergessen: Li Sumaja Galaeva und Aura Gjyla (v.l.)  gelingt das immer besser

Traumatisierte Kinder, trauernde Eltern

Wenn die Traumata, die viele Kinder auf ihrer Flucht erlitten haben, offenkundig werden. Vierjährige tote Menschen auf Schiffen malen. "Dann fühle ich mich als Erzieherin manchmal überfordert", gibt Silke Pichler zu.

Zum Glück können die Kolleginnen in solchen Fällen den Jugendpsychologischen Dienst einschalten, der sich dann um das betroffene Kind und seine Familie kümmert. Aber wenn Eltern trauern, weil sie unterwegs ein Kind verloren haben, weil sie nicht wissen, wie es weitergehen soll, oder weil sie sich nutzlos, überflüssig und fremd fühlen im fernen Land, dann ist es ein Gewinn, Kolleginnen wie Emina Temovič im Team zu haben.

Eine Kollegin, die selbst Erfahrung darin hat, wie es sich anfühlt, vor dem Krieg im eigenen Land zu flüchten und an geschlossenen EU-Außengrenzen hängen zu bleiben. Und die weiß, wie es ist, wenn man Jahre später doch nach Deutschland kommt, ein Abitur und einen Uni-Abschluss hat und gesagt bekommt, das zählt alles nichts. Doch Emina Temovič ist auch Kollegin, die es trotz aller Widerstände geschafft hat, in Deutschland Fuß zu fassen und jetzt denjenigen hilft, die diesen weiten Weg noch gehen müssen. Das macht Kindern und Eltern Mut.

Text und Fotos: Julia Fiedler

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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