24. Oktober 2016

Flüchtlingshilfe – Gute Beispiele

Kellnern im Kirchenschiff – Das Aachener Hotel Total qualifiziert Flüchtlinge

Eine Kirche als Hotel, Bar und Eventbühne – Drei Monate lang hat das ungewöhnliche Projekt "Hotel Total" nicht nur Menschen aller Kulturen und Generationen in Aachen zusammengeführt. Es hat auch Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose für einen Job in Handwerk und Gastronomie fit gemacht. 

Portrait

Liebt das Kellnern: Geraldo Papa

Die Tage, an denen Geraldo Papa mit gefüllten Gläsern und schön dekorierten Tellern durch die Aachener Kirche St. Elisabeth schreitet, sind gezählt. Drei Monate hat der 21-jährige Albaner im "Hotel Total" Menschen aller Kulturen und Generationen bewirtet. Er hat Getränke an der Bar im Altarraum gemixt und Betten in den fünf künstlerisch gestalteten Schlaf-Kuben bezogen. Am 30. Oktober endet nun das soziale Kulturprojekt. 

Alle im Team haben dem Flüchtling ein ausgesprochenes Talent für die Gastronomie bescheinigt. "Das ist es, was ich liebe", sagt er. "In Albanien habe ich schon als Kellner und Barkeeper gearbeitet und genau das möchte ich auch in Deutschland machen."

Jetzt hofft Geraldo Papa darauf, dass er einen Job in einem Aachener Hotel bekommt. Die Bewerbungen laufen noch. Knapp dreißig Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose haben ehrenamtlich an dem Projekt mitgewirkt, in dem sie die Kirche zum Hotel umbauten und die Bewirtung der Hotelgäste, aber auch zahlreicher Besucher der Events und Ausstellungen übernahmen. Einige wollten einfach raus aus der Langeweile in den Flüchtlingsunterkünften, Kontakte knüpfen und die deutsche Sprache lernen. Andere wie Geraldo Papa erhofften sich bessere Chancen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder Job. 

Voller guter Ideen und Elan: Patricia Yasmine Graf

Ein kreativer Ort für alle Menschen

"Unser Projekt hat den meisten Teilnehmern Türen geöffnet", sagt Patricia Yasmine Graf, die gemeinsam mit ihrer Schwester Julia Claire Graf und ihrer Freundin Anke Didier die Idee zum sozialen Kulturhotel in einer entweihten Kirche hatte. Dafür nahmen die drei Designerinnen die gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft "low tec" der Aachener Diakonie sowie Wirtschafts- und Designstudenten mit ins Boot. Nun werden Flüchtlinge in Projekten des Beschäftigungsträgers weiterqualifiziert. Andere haben sich direkt bei Hotels oder in Betrieben beworben. "Wir bemühen uns gerade darum, dass alle eine Perspektive haben", betont Patricia Yasmine Graf.

Rund 16 Stunden täglich hat die Designerin mit ihrem kleinen Team für ihre Idee eines sozialen Kulturhotels in den vergangenen Monaten gearbeitet. "Wir wollten einen kreativen Ort in einem sozial benachteiligten Stadtteil schaffen, der offen ist für alle und zeigt, dass Aachen mehr zu bieten hat als Printen und den alten Kaiser Karl", meint die Designerin. "Das ist uns gelungen." Gefördert wurde das Projekt vom nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium im Rahmen des Wettbewerbs "CreateMedia.NRW".

Designstudenten der Fachhochschule Aachen entwarfen die Schlaf-Kuben, die die Flüchtlinge und Langzeitarbeitslosen in einem ersten Qualifizierungsworkshop "Holz bearbeiten" von Mai bis Juli im Kirchenschiff aufbauten. Im zweiten Workshop "Gastronomie" lernten sie von August bis Oktober unter Anleitung einer Hotelfachkraft, wie ein Hotel- und Kulturbetrieb funktioniert. 

Bett an Seilen aufgehängt

Hier hängt alles: Bett im Kubus "Alles Gute kommt von oben"

Im "Hotel Total" steht jede Kube unter einem eigenen Motto. Im Doppelzimmer-Kubus "Alles Gute kommt von oben" hängen alle Möbel – auch das Bett – von der Decke herunter. Im "Baumhaus" überspannt ein beleuchtetes Blätterdach das Doppelbett und Echtmoos schmückt die Außenwände. Das Zimmer "Outdoor Inn" ist mit kleinem Gartenzaun und Zwerg wie ein Zelt auf dem Campingplatz gestaltet.

Im Altarraum befindet sich die Bar unter dem Leuchtschild "Gloria", das von einem alten Aachener Kino stammt. In den Nischen der Kirche können es sich Besucher auf Sofas und Sesseln bequem machen. Ein langer Tisch in der Mitte des Kirchenschiffs lädt zum Essen ein. Seit das "Hotel Total" im August seine Türen für Gäste öffnete, nutzten tausende Menschen die Gelegenheit, in der Kirche zu essen, zu feiern und zu schlafen. Es fanden Konzerte, Musical- und Tangoaufführungen, Ausstellungen, Senioren- und Kinderfeste statt. 

Kubus mit Frauenkörper

Schlaf-Kubus für selbstbewusste Frauen

Die Zimmer waren in den drei Monaten ständig belegt, auch wenn der Komfort eines eigenen Bades fehlte. Geduscht wurde in Containern im Innenhof des Kirchgebäudes. „Von der über 80-jährigen Dame bis zur Punkrockband hatten wir eine bunte Mischung an Gästen“, erzählt Patricia Yasmine Graf. Zahlen mussten die Gäste dafür nichts. Die Übernachtungen wurden verlost, damit alle sozialen Schichten sie sich leisten konnten.

Soziales Kulturhotel mit Familiencharakter

Er habe das "Hotel Total" wie eine große Familie erlebt, sagt Abolfalz Jafari. "Die Menschen sind so freundlich und haben hier einfach viel Spaß miteinander." Der 27-jährige Iraner war von Anfang an dabei. In seiner Heimat habe er Teppiche geknüpft und Tunnel gebaut, erzählt er. Doch beim Bauworkshop merkte Abolfalz Jafari ziemlich schnell, dass ihm das Hämmern und Sägen, Zuschneiden und Lackieren von Holz nicht wirklich liegt. 

Portrait

Abolfalz Jafari mag das Dekorieren im Hotelbetrieb 

Als der Gastronomiebetrieb im August begann, kam der Iraner jeden Tag, um aufzuräumen und für eine entspannte und gemütliche Atmosphäre zu sorgen. Jetzt wechselt er ins low tec-Projekt "BIWAQ – All eyes on green spots" und hilft dabei, öffentliche Grünflächen zu verschönern. "Das Hotel Total wird mir fehlen", sagt Abolfalz Jafari.

Wie viele andere Teilnehmer des Projekts hofft auch er darauf, dass die Kirche dauerhaft zu einem sozialen Kulturhotel umgebaut wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, meint Michael Omsels, Projektleiter der "low tech". Aachener Wirtschaftsstudenten, die das Projekt wissenschaftlich begleitet haben, prüfen im November, ob sich ein Pop-up Hotel, in dem Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose arbeiten und das für alle Menschen - auch die mit kleinem Geldbeutel - offen ist, ohne öffentliche Gelder rechnen kann. Dass es geht, beweisen bereits soziale Kulturhotels in Wien und Amsterdam.

Kirchengebäude Eingang

Soll ein soziales Kulturhotel bleiben - die St. Elisabeth-Kirche in Aachen

Der Investor der entweihten Kirche, eine Aachener Immobilienfirma, ist für die Nutzung des früheren Gotteshauses als Kulturraum und Restaurant offen. "Ein Hotel daraus zu machen, würde aber große Umbaumaßnahmen erfordern. Das ist zumindest kurzfristig eher unwahrscheinlich", erklärt der Projektleiter.

Denkbar sei aber, ein Hotel in der Nachbarschaft aufzubauen und den Gastronomiebetrieb in der Kirche anzubieten. Letzteres ist vielleicht sogar schon im Frühjahr möglich. "Unser Projekt hat so viele Menschen begeistert", sagt Omsels. "Es wäre schade, wenn es nicht weitergeführt würde."

Text: Sabine Damaschke

Fotos: Michael Mauer, Sabine Damaschke

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