14. Oktober 2016

Flüchtlingshilfe auf Lesbos

Gefangen in der Perspektivlosigkeit

Hoffnungslosigkeit und Wut macht sich auf der griechischen Insel Lesbos breit. Über 5.000 geflüchtete Menschen sitzen dort fest. Gleichzeitig leiden die Inselbewohner unter dem starken Rückgang des Tourismus.  "Europa darf Griechenland nicht alleine lassen", fordert Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki. Die gebürtige Griechin leitet ein Hilfsprojekt auf Lesbos, das viele Menschen aus Kirche und Diakonie unterstützen.

Portrait

Ioanna Zacharaki

Seit es im Flüchtlingscamp Moria einen großen Brand gab, ist die Situation auf der Insel Lesbos wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Tausende geflüchtete Menschen sitzen dort fest. Der Tourismus, von dem viele Inselbewohner leben, ist stark zurückgegangen. Wie sieht es jetzt in den  Herbstferien aus? 

Leider nicht gut.  Während im Jahr 2014 rund 75.000 Touristen per Direktflug nach Lesbos gekommen sind, waren es bisher im Jahr 2016 weniger als 30.000 Touristen. Das ist ein Rückgang um 60 Prozent. Für viele der rund 86.000 Einwohner, die überwiegend vom Tourismus leben, ist das eine Katastrophe. Im vergangenen Jahr kamen noch viele Menschen aus ganz Europa nach Lesbos, um bei der Versorgung der Flüchtlinge zu helfen. Hotels und Restaurants haben davon profitiert. Doch das hat stark nachgelassen. Auch in unserem Hilfsprojekt, das ich gemeinsam mit Konstantin Eleftheriadis vom Diakonischen Werk Solingen leite, arbeiten in diesen Herbstferien keine ehrenamtlichen Helfer aus Deutschland mit. Aber in der Interkulturellen Woche haben viele Menschen in ökumenischen Gottesdiensten für unsere Arbeit gespendet. Dafür sind wir sehr, sehr dankbar.

PIKPA-Mitarbeiter verteilen Essen 

Wie helfen Sie in dieser angespannten Situation auf Lesbos?

Wir haben jetzt insgesamt rund 185.000 Euro zur Verfügung. Rund 15.000 davon sind Einzelspenden, der Rest kommt von der Keppler-Stiftung und der UNO-Flüchtlingshilfe in Bonn. Mit dem Geld unterstützen wir die Unterkunft PIKPA, in der rund 70 kranke und behinderte Flüchtlinge sowie Familien mit kleinen Kindern leben. Wir verteilen aber auch Medikamente und Essen an geflüchtete Menschen, die im Hotspot Moria untergebracht sind und begleiten 140 Kinder und Jugendliche aus dem Camp. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter ermöglichen ihnen, zweimal in der Woche etwas Freizeit zu erleben. Sie schwimmen oder spielen Fußball mit ihnen oder unternehmen Touren über die Insel. 

Im Flüchtlingscamp Moria ist der Großteil der geflüchteten Menschen untergebracht. Viele nennen es inzwischen "Guantanamo". Sind die Zustände wirklich so schlimm?

Das Lager ist von einem hohen Zaun umgeben. Man darf das Camp zwar nach 25 Tagen verlassen, muss aber abends zum Essen und Schlafen wiederkehren. Jeder Flüchtling ist gezwungen, so lange dort bleiben, bis über sein Asylgesuch entschieden wurde. Die Stimmung ist hochexplosiv. Rund 700 Flüchtlinge sind seit März freiwillig zurückgegangen, weil sie diese Situation nicht mehr aushalten konnten. Mit der griechischen Justiz und dem Direktor des Camps haben unsere Kooperationspartner zum Glück aushandeln können, dass die unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen einen Passierschein für die Ausflüge mit unseren ehrenamtlichen Mitarbeitenden erhalten.

Dichtes Gedränge vor und hinter dem Zaun des Camps Moria

Der EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei sollte doch dazu beitragen, dass zeitnah über die Asylanträge der Flüchtlinge entschieden wird und sie die Insel wieder schnell verlassen. Warum funktioniert das nicht?

Das Camp wurde eingerichtet, damit vorübergehend 1.000 Flüchtlinge aufgenommen werden können. Jetzt leben dort seit Monaten rund 4.000 Menschen auf engstem Raum. Gemäß dem EU-Türkei-Abkommen sollten über 400 Experten aus Europa nach Griechenland kommen, um den Behörden bei der Bearbeitung der Asylanträge zu helfen. Auf Lesbos arbeiten gerade einmal 13 solcher Experten, die die 45 griechischen staatlichen Mitarbeiter unterstützen. Das ist natürlich viel zu wenig. Zumal wir derzeit erleben, dass sich trotz der anstehenden gefährlichen Herbststürme wieder mehr Flüchtlinge über das Meer nach Lesbos wagen. Eigentlich müssten sie wissen, dass sie auf diesem Weg kaum Chancen haben, tatsächlich nach Europa zu kommen. Doch die Not ist so groß, dass sie es trotzdem versuchen.

Blick vom Meer auf die Küste

Idyllische Urlaubsinsel, auf der kaum noch jemand Urlaub macht: Lesbos

Steht die Insel vor dem Kollaps?

Viele Griechen empfinden es so. Sie haben Flüchtlinge aus dem Meer gerettet, Unterkunft und Essen mit ihnen geteilt und ihnen bis an die Grenze der Erschöpfung geholfen. Gleichzeitig haben viele durch den starken Rückgang des Tourismus ihre Existenzgrundlage verloren. Hinzu kommen die Renten- und Mehrwertsteuer-Reformen der griechischen Regierung, die der Finanzkrise geschuldet sind und viele Griechen in die Armut treiben. Deshalb ist es auch wichtig, die notleidende Bevölkerung nicht zu vergessen und ihr beizustehen. Europa darf Griechenland nicht alleine lassen! Den Tourismus wieder anzukurbeln, ist eine wichtige Verpflichtung. Die andere besteht darin, die Flüchtlinge aus Griechenland und Italien auf andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu verteilen.

Spendenkonten:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesvos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Stichwort "Lesvos"
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank
IBAN DE 31 3506 0190 1014 1550 11

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki
Migration und Flucht
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (19 Stimmen)