6. Februar 2017

Flüchtlingshilfe auf Lesbos

Der Winter, die EU und die Hoffnungslosigkeit

Anfang Januar mussten auf den griechischen Inseln Tausende Flüchtlinge tagelang bei Minusgraden ohne Strom und Wasser ausharren. Jetzt hat sich die Lage entspannt, weil Hilfsorganisationen für beheizte Unterkünfte sorgten. Doch die Hoffnungslosigkeit bleibt. Zumal mit weiteren Flüchtlingen gerechnet werden muss, falls ab Mitte März wieder das Dublin-Abkommen für Griechenland gilt.

Zwei Frauen vor einem Zeltlager

Foto: Thomas Lohnes/Diakonie Katastrophenhilfe

Der Winter kam plötzlich in Griechenland. Anfang Januar war es auf der Insel Lesbos so kalt wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Die dünnen Nylonzelte auf dem Gelände des Flüchtlingslagers Moria – gebaut für 1.000 geflüchtete Menschen und bewohnt von knapp 3.000 – schützten nicht vor dem Frost. Im Gegenteil.

Rund 2.000 geflüchtete Kinder, Frauen und Männer hatten in ihren Zelten weder Strom noch Heizung oder Wasser und schliefen ohne Matratzen auf dem Boden.

Einen Monat später hat sich die Situation zum Glück entspannt. Mit Spenden und EU-Geldern stellten Hilfsorganisationen beheizte Zelte auf, verteilten Decken, warme Kleidung und Medikamente. Es wurden Wohnungen angemietet und die Kabinen eines großen Schiffes zu Unterkünften für die Flüchtlinge umfunktioniert. "Die Winterhilfe greift", sagt Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki, die auf Lesbos mit ihrem Ehemann Konstantin Eleftheriadis vom Diakonischen Werk Solingen ein Hilfsprojekt leitet und regelmäßig vor Ort ist.

Vom Hotspot Moria in Wohnungen

Mit Spendengeldern von rund 185.000 Euro fördert das Projekt aktuell die überwiegend ehrenamtliche Arbeit der griechischen Hilfsorganisation  "Syniparxi" mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus dem Camp. "Dank der Winterhilfe ist es gelungen, 192 Kinder, die zuvor in Moria gelebt haben, in Wohnungen unterzubringen", freut sich Ioanna Zacharaki. "Ihnen geht es jetzt besser."

Zwei Männer stehen in einer Großküche vor Mengen von Brot

Mitarbeiter packen Essensrationen für die Flüchtlinge im Camp Moria

Außerdem hat das Projekt die Infrastruktur der Unterkunft PIKPA unterstützt, in der rund 70 kranke und behinderte Flüchtlinge sowie Familien mit kleinen Kindern leben. Darüber hinaus werden Medikamente und Nahrung finanziert, die ehrenamtliche Helfer an geflüchtete Menschen im Hotspot Moria verteilen. Nach wie vor leben dort zu viele Flüchtlinge.

Es sei schwierig gewesen, sie davon zu überzeugen, in Wohnungen umzuziehen, erzählt Ioanna Zacharaki. "Viele hatten Angst, es zu verpassen, wenn endlich über ihren Asylantrag entschieden wird und sie die Insel verlassen dürfen."

Schon seit Monaten warten knapp 5.000 Flüchtlinge auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge im Hotspot Moria. "Viele sind verzweifelt und angespannt. Hoffnungslosigkeit macht sich breit." Insgesamt sitzen in Griechenland knapp 63.000 Flüchtlinge fest, davon knapp 13.000 auf den Inseln Lesbos, Leros, Samos, Kos und Chios. Viele befinden sich seit über acht Monaten im Land.

Gemäß dem EU-Türkei-Abkommen sollten rund 400 Experten aus Europa nach Griechenland kommen, um den Behörden bei der Bearbeitung der Asylanträge zu helfen. "Auf Lesbos arbeiten gerade einmal 13 solcher Experten, die die 45 griechischen staatlichen Mitarbeiter unterstützen", kritisiert Ioanna Zacharaki.

Warteschlange

Angespanntes Warten in der Kälte

Immer mehr Flüchtlinge aus Afrika

Das lange Warten auf einen Bescheid sorge nicht nur bei den Flüchtlingen für Frust und Spannungen, weiß die Migrationsexpertin. "Auch die Griechen sind verzweifelt darüber, dass die Vereinbarungen der europäischen Flüchtlingspolitik immer noch nicht umgesetzt werden.

Viele fragen sich, wie lange sie noch helfen können, denn sie sind ja selbst immer stärker von Armut betroffen." Ursprünglich war zwischen den EU-Staaten vereinbart worden, Griechenland im vergangenen Jahr 30.000 Flüchtlinge abzunehmen. Tatsächlich aber reisten nur 7.000 ab.

Zwar ist der Flüchtlingsstrom nach Griechenland geringer geworden. Aber alleine auf Lesbos kommen alle zwei Tage immer noch rund 50 geflüchtete Menschen an. Der Großteil stammt aus Afrika und Südamerika. Aus Syrien kommt so gut wie niemand mehr. Von einer Entlastung, wie es das im März 2016 geschlossene EU-Türkei-Abkommen versprochen hat, kann also keine Rede sein. 

Gruppenfoto

Teilen, obwohl sie selbst wenig haben: Ehrenamtliche griechische Helfer  von "Syniparxi"

Angst vor dem Dublin-Abkommen

Nun droht noch die Aufhebung der Dublin-Regelung für Griechenland, die nur bis zum 15. März 2017 gelten sollte. Dem Dublin-Abkommen zufolge ist das EU-Mitgliedsland für einen Asylbewerber zuständig, dessen Boden er zuerst betreten hat. Für Griechenland war dieses System aber 2011 wegen der dortigen Bedingungen ausgesetzt worden.

"Es wäre ein Skandal, wenn die Europäische Union dieses Abkommen in Griechenland ab März wieder durchsetzt", sagt Ioanna Zacharaki. "Das ganze System der europäischen Flüchtlingspolitik funktioniert nicht und Griechenland hat darunter am meisten zu leiden."

Nach all den erfolglosen Appellen der Hilfsorganisationen an die deutsche und europäische Politik ist auch Ioanna Zacharaki etwas entmutigt. "Wir werden nicht aufhören, unsere Kritik laut zu äußern", sagt sie. "Aber wer jetzt etwas für die Menschen in Griechenland tun möchte, der sollte nicht nur spenden, sondern dort wieder Urlaub machen." Dies helfe den Griechen, von denen mittlerweile jeder vierte arbeitslos ist, finanziell und sei ein gutes Zeichen der Solidarität, meint die Diakonie RWL-Referentin.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Ioanna Zacharaki

Spendenkonten:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesvos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki
Migration und Flucht
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