3. Oktober 2016

Integrationskurse

"Sprachförderung aus einem Guss" sorgt für Verdruss

Vom Integrationskurs bis zum Job ist es für zugewanderte Menschen in Deutschland ein sehr langer Weg. Damit sich das ändert, hat der Bund nun Programme aufgelegt, die "eine Sprachförderung aus einem Guss" versprechen. Doch die haben ihre Tücken. Das berichteten Träger von Integrationskursen auf einem Fachtag der Diakonie RWL.

Integrationskursteilnehmer sitzen im Kreis vor einer Tafel

Teilnehmer eines Integrationskurses 

Als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vor gut zehn Jahren die ersten Integrationskurse für neu nach Deutschland zugewanderte Menschen anbot, war Jennifer Gruß noch Germanistikstudentin. Sie bewarb sich als Kursleiterin und gab mehrere Jahre für ein schmales Honorar Sprachunterricht.

Die Stolpersteine bei der deutschen Grammatik, die Konzentrationsprobleme, weil die Sorge um die Familie im Herkunftsland groß und der Kopf voller Heimweh ist – all das kennt die Migrationsexpertin nur zu gut. Heute arbeitet sie in der Zuwanderungsberatung der Diakonie Mark-Ruhr und versucht, Zugewanderte passgenau in die verschiedenen Sprach- und Integrationskurse der Diakonie zu vermitteln.

Keine leichte Aufgabe, denn der Bedarf ist riesig bei rund 1.700 Flüchtlingen, die der Stadt Hagen zugewiesen wurden. Es fehlen Räumlichkeiten und Lehrer. Zwar verdienen die Kursleiter seit Juni diesen Jahres 35 Euro pro Unterrichtsstunde. Dennoch viele sind an Schulen abgewandert, wo ihnen feste Arbeitsplätze angeboten werden. Gleichzeitig hat sich der Verwaltungsaufwand für die Träger mit neuen Programmen im Integrationskursbereich deutlich erhöht, wie jetzt auf einem Fachtag für Evangelische Integrationskursträger in der Diakonie RWL deutlich wurde.

Arbeitsintensiv für Träger: KompAS

Im Mittelpunkt der Kritik stand das neue Bundesprogramm "KompAS" (Kompetenzfeststellung, frühzeitige Aktivierung und Spracherwerb), das den allgemeinen Integrationskurs mit berufsqualifikatorischen Maßnahmen verknüpft, um eine schnellere Arbeitsmarktintegration zu erreichen. In der Praxis heißt das: morgens Sprachunterricht, nachmittags berufsbezogenes Deutsch, Firmenbesuche, Praktika. "Eigentlich eine gute Idee", meint Jennifer Gruß. "Aber mich hat es in diesem Sommer unglaublich viel Geduld und Nerven gekostet, die Kurse zu organisieren."

Gruppenfoto

Jennifer Gruß (links) mit Kolleginnen Dorothee Graf und Heike Spielmann

Rund 150.000 Plätze will die Bundesagentur für Arbeit, die für KompAS zuständig ist, bundesweit einrichten. 40.000 Plätze sollen bereits in diesem Jahr entstehen. Die Stadt Hagen will sich mit 600 Plätzen beteiligen. Im Juni erhielt die Diakonie Mark-Ruhr als sogenannter AZAV-Träger, der nach der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsmarktförderung zertifiziert ist, die Zulassung.

"Wir haben es tatsächlich geschafft, zum 1. August mit zwei KompAS-Kursen zu starten." Eine Sisyphos-Aufgabe, denn Jennifer Gruß musste Einstufungstests organisieren und erst einmal klären, ob die vom Jobcenter ausgewählten anerkannten Flüchtlinge überhaupt für das anspruchsvolle Programm geeignet waren. Eine Arbeit, die eigentlich das Jobcenter hätte machen müssen.

Programm mit "heißer Nadel gestrickt"

"Bei uns wird jeder in die KompAS-Kurse vermittelt, der nicht bei drei auf den Bäumen ist", kritisierte Martin Horzella vom Diakonischen Werk an der Saar auf dem Fachtag. Rund 500 Plätze hat die Stadt Saarbrücken für das neue Programm vorgesehen. Und Brahim Elhajoui von der Diakonie an Sieg und Rhein bemängelte, derzeit würden alle anerkannten Flüchtlinge in ihrer Region in die KompAS-Kurse gedrängt. Die Jobcenter drohten sogar mit Leistungskürzungen. "Dabei haben wir viele Zugewanderte, die nur einen normalen Integrationskurs wünschen und erstmal auf Berufsfördermaßnahmen verzichten, weil sie studieren möchten."

Portrait

BAMF-Regionalkoordinatoren Klaus-Peter Kruse (Essen) und Manfred Terfurth (Düsseldorf) (v.l.)

Das neue Programm sei tatsächlich ein "mit heißer Nadel gestricktes Instrument", räumten die beiden Regionalkoordinatoren des BAMF, Klaus-Peter Kruse und Manfred Terfurth, auf dem Fachtag ein. "Da gibt es viel Nachbesserungsbedarf."

Terfurth ermutige die Träger der Integrationskurse, sich von den Jobcentern nicht vorschreiben zu lassen, welcher Zugewanderte für welchen Kurs geeignet sei. "Diese dürfen zwar zur KompAS-Maßnahme verpflichten, aber letztlich bestimmen Sie nach einem Einstufungstest, wer in welchem Kurs sitzen kann."

Verwaltungskosten der Träger enorm gestiegen

Für dieses Jahr rechnet das BAMF bundesweit mit rund 500.000 neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Integrationskursen. Bis zu 600 Millionen Euro sind dafür im Bundeshaushalt 2017 veranschlagt. Hinzu kommen noch 179 Millionen Euro für berufsbezogene Deutschkurse nach dem eigentlichen Integrationskurs. "Das ist zwar eine riesige Summe, aber sie reicht nicht aus, um die Verwaltungskosten der Integrationsträger zu decken", erklärte Manfred Hoffmann, Geschäftsführer des Fachverbandes Migration und Flucht der Diakonie RWL. Zwar seien die Honorare der Kursleiter um 67 Prozent gestiegen, die Teilnehmerentgelte dagegen nur um 33 Prozent. "Das ist besonders für kleine Träger eine Katastrophe."

Menschen sitzen um einen Tisch und hören zu

Gut zuhören, dann kritisch nachfragen: Teilnehmer des Fachtags 

Zumal das berufsbezogene Kursangebot sich deutlich erweitert hat. Gab es bis zu diesem Jahr nur Integrationskurse für Erwachsene und Jugendliche sowie Alphabetisierungskurse, bieten viele Träger inzwischen die KompAS-Kurse an. Noch mehr Träger haben sich für die neuen berufsbezogenen Anschluss-Sprachkurse beworben. Ähnlich zu KompAS sind auch hier Kombinationen mit betrieblichen Lernphasen möglich. Diese Kurse können sogar in den Unternehmen selbst stattfinden.

Integration braucht Zeit

Die Integrationskurse, darin waren sich alle Teilnehmer des Fachtags einig, stehen vor einem großen Umbau. "Wir sollten uns als Träger darauf einstellen, dass die schnelle Arbeitsmarktintegration im Fokus steht", sagte Heike Spielmann, Leiterin der Zuwanderungsberatung der Diakonie Mark-Ruhr. Doch viele Flüchtlinge benötigten Zeit, um sich zu integrieren. "Manche sind traumatisiert und können daher nicht so schnell lernen, andere haben Kinder, um die sie sich kümmern müssen." Damit auch sie die Chance auf Bildung und Arbeit erhielten, brauche es kleine Kurse mit maximal 14 Plätzen statt 25 Plätzen wie sie im KompAS-Programm vorgesehen seien sowie eine gute sozialpädagogische Begleitung. Bei der Diakonie Mark-Ruhr ist dafür Dorothee Graf von der Migrationsberatung für Erwachsene zuständig. Doch sie betreut inzwischen 140 Kursschüler. 

Portrait

Jörg Neuhaus

"Wir müssen von der dominierenden Fokussierung auf die berufsbezogene Sprachförderung wegkommen", appellierte Jörg Neuhaus, stellvertretender Geschäftsführer des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Westfalen und Lippe, an die Politik.

"Wir brauchen eine Sprachförderung, die sich stärker an der jeweiligen Lebenssituation der Zugewanderten orientiert."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Teaserfoto: Diakonisches Werk an der Saar

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Manfred Hoffmann
Migration und Flucht
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