23. September 2016

Interkulturelle Kompetenz

Den Blick schärfen für Vielfalt

Interkulturelle Kompetenz – Das ist mehr als ein freundlicher Händedruck. Es ist eine Haltung. Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki vermittelt in ihren Kursen die Grundlagen für eine gute Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Das tut sie auch jetzt wieder anlässlich der "Interkulturellen Woche". Sie beginnt am Sonntag und steht diesmal unter dem Motto "Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt".

Portrait

Ioanna Zacharaki

Frau Zacharaki, mittlerweile kann ich überall "Interkulturelle Kompetenz" lernen – vom einfachen Volkshochschulkurs bis hin zur teuren Coaching-Agentur. Aber was lerne ich da eigentlich genau?

Es ist tatsächlich modern geworden, für die Auslandsreise bis hin zur beruflichen Begegnung mit ausländischen Geschäftskollegen unter dem Stichwort "Interkulturelle Kompetenz" eine Art "Benimm-Kurs" anzubieten. Doch bei der Diakonie verstehen wir darunter sehr viel mehr als den Teilnehmern gute Manieren für die unterschiedliche Essenskultur in Asien, Afrika und Nordeuropa beizubringen oder ihnen Tipps zu Höflichkeitsformeln in verschiedenen Kulturen zu vermitteln. In unseren Kursen geht es um eine Kultur des Annehmens und der Offenheit gegenüber dem Anderen und gegenüber der Vielfalt, der wir dabei hinsichtlich kultureller und religiöser Prägungen und Werte begegnen. Das hört sich jetzt sehr theoretisch an, wird in den Kursen aber sehr anschaulich anhand von Bewegungs- und Kommunikationsübungen sowie Rollenspielen.

In Ihren Kursen lerne ich also nicht, wie ich als deutsche Frau einen arabischen Mann begrüße oder mich in Asien für eine Einladung zum Essen bedanke?

Nein, solche Tipps vermitteln wir bewusst nicht. Unsere Kurse bestehen aus mehreren Bausteinen zu Themen wie "Interkulturelle Sensibilität" oder "Werteorientierung und Kommunikation". Dabei geht es viel um das eigene Verhalten gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen. Die Teilnehmer sollen sich für Kritik öffnen, ihre eigenen Werte relativieren und die so entdeckten kulturellen Differenzen als einen Anreiz für einen Perspektivwechsel nutzen, aus dem dann ein Dialog möglich wird. In den Kursen möchte ich die Teilnehmer zu einem sensibleren Umgang mit anderen Menschen ermutigen. Denn das ist die Grundlage für interkulturelle Kompetenz: Menschlichkeit. Die Teilnehmer sollen lernen, hinter die Etikette "Syrer", "Moslem" oder "Grieche" zu schauen.

Das klingt sehr anspruchsvoll.

Das ist es auch, denn es setzt voraus, dass die Kursteilnehmer bereit sind, sich intensiv mit sich selbst und ihrem Umgang mit Vielfalt auseinander zu setzen. Wie gehe ich damit um, wenn jemand nicht pünktlich kommt? Und welche Rolle spielt Pünktlichkeit in anderen Kulturen, etwa der afrikanischen? Was bedeutet mir meine Familie und Religion? Und wie reagiere ich darauf, wenn dies in anderen Kulturen als wertvoller gilt als Selbstständigkeit und Freiheit? All das sind Fragen, über die wir in den Kursen anhand konkreter Rollenspiele diskutieren. Das geht sehr tief, macht aber auch Spaß, denn es bringt sehr viele "Aha-Erlebnisse" hervor. Die Nachfrage nach den Kursen, die wir hier in der Diakonie RWL entwickelt haben, ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Wir schulen mittlerweile ganze Abteilungen Diakonischer Werke.

Warum lassen sich so viele Mitarbeitende in "Interkultureller Kompetenz" schulen?

Natürlich geht es vielen darum, in ihrem beruflichen Umfeld besser mit Migranten und Flüchtlingen umgehen und Missverständnisse vermeiden zu können. Für andere besteht die Motivation eher darin, sich allgemein in einer Welt der Vielfalt besser zurechtzufinden und eine eigene Haltung dabei zu haben. Wir sind heute durch die Globalisierung mit einer Vielzahl an Kulturen, Religionen und Werten konfrontiert – in unserem eigenen Land, aber auch durch das Internet und auf Reisen. Das verunsichert viele Menschen. Sich selbst aufzumachen, um Begegnung zu lernen, halte ich für die richtige Methode.

Aber sind nicht zunächst mal diejenigen, die zuwandern, in der Pflicht, Werte, Kultur und Religion des Landes kennenzulernen, in das sie zugewandert sind?

Beide Gruppen, Zugewanderte und Einheimische, sollten aufeinander zu gehen. Es geht um ein Kennenlernen und einen wertschätzenden, respektvollen Umgang miteinander. Gerade die einseitige Erwartungshaltung, sich den Einheimischen anzupassen, führt bei Migranten häufig zu einem Rückzug in die eigene ethnische Gruppe. Dagegen fördert Wertschätzung die Begegnung und hilft dabei, Vorurteile und Etiketten zu vermeiden. Wie soll ein friedliches Zusammenleben funktionieren, wenn wir nicht genau hinsehen, wer die Menschen sind, die bei uns Zuflucht suchen und was sie mitbringen? Darüber müssen wir ins Gespräch kommen.

Verstehen Sie die Qualifizierungskurse, die Sie während der Interkulturellen Woche in der Evangelischen Bildungsstätte Aachen anbieten, als einen Beitrag zu einer besseren interkulturellen Verständigung?

Genau diese Zielsetzung verfolgt die Fortbildungsreihe. Diese und viele andere neue Projekte sind über die Diakonie RWL aus der "Komm-An-NRW"-Initiative der Landesregierung mit über 250.000 Euro bei kirchlichen und diakonischen Trägern vor Ort gefördert worden und starten jetzt. Sie reichen von Begegnungs- und Infocafés über interkulturelle Sportangebote bis hin zur Konfliktmediation in sozialen Brennpunkten.

Die bundesweite Interkulturelle Woche der Kirchen findet in diesem Jahr vom 25. September bis 1. Oktober statt. Dazu sind mehr als 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten geplant. Die Interkulturelle Woche ist eine Initiative von Deutscher Bischofskonferenz, Evangelischer Kirche in Deutschland und Griechisch-Orthodoxer Metropolie von Deutschland. Sie findet seit 1975 jährlich Ende September statt. Sie wird von Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Integrationsbeiräten, Migrantenorganisationen und Initiativgruppen unterstützt.

Foto im Teaser: Macaa / Wikimedia Commons

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Ioanna Zacharaki
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