21. März 2016

Internationaler Antirassismus-Tag

"Kirche und Diakonie müssen mutiger werden"

Mit dem "Internationalen Tag zur Überwindung von Rassismus" am heutigen Montag gehen die Anti-Rassismus-Wochen in Deutschland zu Ende. Michael Lindemann vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie Herford engagiert sich für ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander verschiedener Kulturen und Religionen in seiner Stadt. Er vermisst eine ehrliche Diskussion in der Flüchtlingsfrage.

Portrait

Michael Lindemann

Mitarbeiter der Diakonie erleben zunehmend, dass sie sich für die deutliche Willkommenskultur, zu der ihr Sozialverband in der Flüchtlingsdebatte steht, rechtfertigen müssen. Rassistische Äußerungen in sozialen Netzwerken und in der Politik haben zugenommen. Was kann ein Internationaler Tag zur Überwindung von Rassismus dagegen ausrichten?

Diese Internationalen Tage oder Wochen, die die Vereinten Nationen ausrufen, müssen mit Leben gefüllt werden und lokal verankert sein, sonst bewirken sie nichts. Es ist wichtig, in einen Dialog darüber zu kommen, was wir überhaupt unter Rassismus verstehen. Viele betrachten ihn immer noch als ein Phänomen des Nationalsozialismus oder der rechten Szene. Dabei ist er längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat sehr unterschiedliche Gesichter.

Was verstehen Sie denn unter Rassismus?

Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft für weniger wert gehalten werden und ihre politische und soziale Unterdrückung deshalb gerechtfertigt wird, sprechen wir von Rassismus. Ich unterscheide aber zwischen offenem und verstecktem Rassismus. Eine Fremdenfeindlichkeit, die sich in Brandanschlägen äußert, ist offener Rassismus. In NRW hat sich die Zahl der Brandanschläge im vergangenen Jahr übrigens verachtfacht! Daneben gibt es Vorurteile, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Kultur zugeschrieben werden und die sich auch hinter positiven Bemerkungen verstecken können. Zum Beispiel, wenn junge Menschen mit türkischem Migrationshintergrund dafür gelobt werden, dass sie ja "sogar Abitur haben" oder Roma "ehrlich waren" oder Afrikaner "erstaunlich fleißig". Es geht darum, dieses Schubladendenken zu überwinden, denn das ist der Nährboden für offenen Rassismus.

Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln haben die Diskussion um "andere" Wertvorstellungen männlicher Migranten, das Asylrecht, um Sexismus und Rassismus angeheizt. Wie erklären Sie sich das?

Mich hat dieser Umschwung in den Medien und der Politik von einer fast nur positiv besetzten Darstellung der Flüchtlinge und ihrer Helfer hin zu einer sehr kritischen bis diffamierenden Diskussion um die Werte und Verhaltensweisen von Zuwanderern nicht erstaunt. Wir sind nur von einem Extrem ins andere gefallen. Die Sorgen und Vorurteile sind ja die ganze Zeit da gewesen. Silvester war das Ventil, sie plötzlich lautstark zu äußern. Was uns fehlt, ist eine ehrliche Diskussion. Natürlich gibt es kriminelle Zuwanderer und solche, die Frauen nicht für gleichberechtigt halten. Aber es gibt diese Einstellungen und kriminellen Biografien genauso unter Deutschen. Darüber müssen wir reden.

Händeschütteln mit weißer und schwarzer Hand

Händeschütteln alleine reicht nicht, um Rassismus zu verhindern (Foto: Racismo Macaaa/Wikimedia)

Darüber wird doch inzwischen sehr viel gesprochen.

Aber es finden nur wenige Debatten zwischen Menschen vor Ort statt, die sich unterschiedlich positionieren. Und erst recht nicht mit denjenigen, die ihre Wut und ihren Hass auf die Flüchtlinge in sozialen Netzwerken und auf Demonstrationen artikulieren. Hier müssen auch Kirche und Diakonie mutiger werden und diese Diskussionsforen schaffen. Wir brauchen einen Dialog darüber, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten, was Demokratie, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit bedeuten. Deshalb engagiert sich die Stadt Herford auch beim Bundesprogramm "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit".

Welche Rolle spielen Sie als Leiter des Jugendmigrationsdienstes der Diakonie dabei?

Ich bin Mitglied im Begleitausschuss, der über die verschiedenen Projekte und Veranstaltungen entscheidet. Dort vertrete ich die Trägergemeinschaft der freien Jugendpflege, zu der die Diakonie gehört. Da sich sehr viele Aktionen an Jugendliche richten, bringen wir unsere Erfahrungen mit jungen zugewanderten Leuten ein. Herford ist zwar eine kleine Stadt mit rund 65.000 Einwohnern, hat aber eine starke Salafistenszene. Dies war für uns mit ein Grund, uns als Partnerstadt für das Bundesprogramm "Demokratie leben!" zu bewerben.

Wie wirkt sich die aufgeheizte Flüchtlingsdebatte auf die zugewanderten Jugendlichen aus? Erleben sie in ihrem Alltag Rassismus?

In ihrem persönlichen Leben nehmen die jungen Leute ihn eher nicht wahr. Bei den gerade Zugewanderten mag es daran liegen, dass sie sehr mit sich selbst beschäftigt sind und die politischen Debatten auch sprachlich nicht verfolgen können. Andere, die schon fünf Jahre und mehr hier leben, sind besorgt. Sie klagen darüber, dass ihnen hier eine Zukunft verweigert wird, obwohl in Deutschland doch Fachkräftemangel herrscht. Von offenem Hass und Rassismus berichtet kaum jemand.

Befürchten Sie, dass sich das ändert?

Diese Angst habe ich tatsächlich. Nicht nur bei der AfD, sondern auch in Parteien wie der CSU wird kräftig Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Dabei ist die Politik verantwortlich für das Chaos bei der Registrierung und für eine ungesteuerte Zuwanderung, die Angst bei vielen Menschen schürt. Was wir derzeit an Wut und Hass in der Flüchtlingsdebatte erleben, hat nicht nur mit Rassismus zu tun, sondern sehr viel mit sozialen Ängsten. Viele Bürger haben das Empfinden, dass die Politiker "da oben" über sie "da unten" bestimmen und ein Mitgestalten der Gesellschaft, unserer Demokratie, nicht mehr möglich ist. Daher ist es umso wichtiger, eine ehrliche Debatte über Zuwanderung und Partizipation zu führen.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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