19. Mai 2016

Kinder- und Jugendhilfe

"Flüchtlingsbetreuung ist kein Billigsystem"

Zu aufwendig und zu teuer – Kommunen klagen über eine Kostenexplosion in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Damit befeuern sie die Diskussion um Jugendhilfestandards. Diakonie RWL-Familienexpertin Helga Siemens-Weibring warnt dagegen vor einer Aushöhlung des Kinderschutzes.

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat gerade ein "maßgeschneidertes Konzept" für die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gefordert statt sie nach dem deutschen Jugendhilfestandard zu betreuen. Für wie realistisch halten Sie diesen Vorschlag?

Wir beobachten schon länger Bestrebungen in der Politik, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus der Kinder- und Jugendhilfe zu nehmen und sie stattdessen unter das Sozialhilferecht des SGB XII zu fassen. Verfassungsrechtlich halte ich das für sehr bedenklich, denn der Kinder- und Jugendschutz gilt ja für alle Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland leben – und somit automatisch auch für alle Flüchtlinge unter 18 Jahren. Immerhin hat Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet und steht damit international in der Pflicht. Das bedeutet, wir müssten auch für "ein maßgeschneidertes Handlungskonzept" den Kinder- und Jugendschutz ausreichend berücksichtigen. Das würde die Kosten aber nicht deutlich senken. Die Betreuung von Flüchtlingskindern ist nun mal kein Billigsystem. Zum Glück sehen das in NRW auch die Landesjugendämter und die Landesregierung so. Sie finanziert hier übrigens die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, nicht die Kommunen.

Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling soll zwischen 3.000 und 5.000 Euro im Monat kosten. Geht das tatsächlich nicht günstiger?

Es spielt natürlich eine Rolle, wie die jungen Flüchtlinge untergebracht sind. Wenn sie in der stationären Erziehungshilfe mit intensiver pädagogischer Betreuung leben, kostet es mehr, als wenn sie in Jugendwohngruppen oder in Pflegefamilien wohnen. Doch wir können froh sein, dass wir so gute Standards haben, denn sie haben ja die schnelle Unterbringung und auch relativ schnelle Integration in Sprachkurse, Schule und Ausbildung erst möglich gemacht. Jetzt daran zu rütteln und Standards abzusenken, indem Gruppengrößen oder Betreuungsschlüssel verändert werden, halten wir für den falschen Weg. Wir sollten eher nach passgenauen Angeboten schauen, die dann im Einzelfall auch günstiger sein können - etwa, indem Flüchtlinge, die sich dafür eignen, in Pflegefamilien vermittelt werden. Andere Kinder und Jugendliche mit traumatischen Fluchterfahrungen benötigen aber eine intensive pädagogische Begleitung, um sich in Deutschland integrieren zu können.

Was brauchen geflüchtete Kinder und Jugendliche denn, um in Deutschland gut Fuß zu fassen?

Zunächst mal ist ein sicherer Ort wichtig, dann aber auch der schnelle Zugang zu unserem Bildungssystem. Da sind die allein reisenden minderjährigen Flüchtlinge eindeutig im Vorteil, weil sie von den Jugendämtern in Obhut genommen und nach den Standards der Jugendhilfe betreut werden. Doch das betrifft in NRW nur 13.200 Kinder und Jugendliche. Rund 60.000 der gut 220.000 Asylbewerber, die 2015 zuwanderten, sind unter 18 Jahren. Der Großteil dieser Kinder und Jugendlichen lebt monatelang beengt in Flüchtlingsunterkünften, der Kita- oder Schulbesuch verzögert sich durch die langen Asylverfahren. Die Eltern dürfen aufgrund aufenthaltsrechtlicher Bestimmungen jahrelang nicht arbeiten. Das erschwert auch den Kindern die Integration, die ihre Familie als gesellschaftlich isoliert erleben. Diese Problematik wurde jetzt noch mal auf der Tagung „jung, geflüchtet, angekommen“ in der Diakonie RWL für Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendhilfe mit dem bekannten Münsteraner Soziologen Aladin El-Mafaalani deutlich.

Seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wird immer wieder die ganz andere Wertehaltung junger muslimischer Männer angesprochen. Wie wichtig ist die Diskussion über interkulturelle Geschlechterverhältnisse in der Kinder- und Jugendhilfe?

Das ist ungeheuer wichtig! In vielen Wohngruppen machen die Mitarbeitenden das Rollenverständnis von Frau und Mann in unserer Gesellschaft inzwischen zum Thema. Doch wir müssen den Jugendlichen auch Zeit geben, sich mit unseren Werten vertraut zu machen und sie ihnen vorleben. Es reicht nicht, immer nur zu fordern, dass sie sich unserem Geschlechterverständnis anpassen müssen und ihnen gleichzeitig zu unterstellen, dass ihre Kultur und Religion Frauen generell unterdrückt.

Wenn wir über Flüchtlingskinder sprechen, dann kommen auch sehr schnell die Eltern in den Blick, insbesondere die Mütter. Was brauchen sie an Unterstützung und Schutz, um ihre Kinder gut in einem fremden Land begleiten zu können und sich schnell zu integrieren?

Mit der Gruppe der Mütter haben wir uns bisher in der Flüchtlingshilfe noch zu wenig beschäftigt. Vor allem Frauen, die aus Kulturen kommen, in denen gesellschaftliche Teilhabe nur eingeschränkt möglich war, brauchen intensive Begleitung. Viele müssen ermutigt werden, die Sprache zu lernen, Kontakte zu Deutschen zu knüpfen und sich beruflich zu qualifizieren. Laut aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben 82 Prozent der geflüchteten Frauen keinen Beruf erlernt. Für all das brauchen sie eine Entlastung in der Kinderbetreuung. Das gilt in besonderem Maß für allein erziehende Mütter. Unsere Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen entwickeln gerade für diese besonders schutzbedürftige Gruppe spezielle Angebote.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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