4. August 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag in der Ehrenamtskoordination

In der Flüchtlingshilfe von Diakonie und Kirche sind Tausende von Ehrenamtlichen aktiv. Doch wie kommen Helfer dorthin, wo sie wirklich gebraucht werden? Dafür sind Ehrenamtskoordinatoren zuständig. Ein Job, für den Ute Clevers von der Diakonie Düsseldorf viel Organisationstalent und starke Nerven braucht.

Portrait

Ute Clevers in ihrem Düsseldorfer Büro

Organisieren, strukturieren, Netzwerke schaffen und Menschen zu Menschen bringen – Das ist es, was ich besonders gerne tue. Daher ist der Job der Ehrenamtskoordinatorin der evangelischen Flüchtlingsberatung, den ich seit Mai 2015 mache, genau richtig für mich. Ich bin 49 Jahre alt und seit 23 Jahren als Sozialpädagogin tätig. Ich habe in der Kinder- und Jugendarbeit, im Quartiersmanagement, der Freiwilligenzentrale und der Bahnhofsmission gearbeitet.

Gegen 10 Uhr komme ich morgens ins Büro und habe einen Arbeitstag vor mir, der in der Regel bis 19 Uhr geht. Bei unserer Sekretärin stibitze ich mir gerne ein paar Süßigkeiten. Vor allem im Sommer des vergangenen Jahres hatte ich diese "Nervennahrung" nötig. Da kamen pro Tag 70 bis 80 E-Mails bei mir an, in denen Düsseldorfer Bürger sich als ehrenamtliche Flüchtlingshelfer anboten. "Ich möchte Flüchtlingen helfen – Was kann ich tun?" lautete die Standardfrage. Jede einzelne Mail habe ich beantwortet, die Daten aufgenommen und mich um die Vermittlung in eine Einrichtung oder ein Projekt bemüht. Abends schwirrte mir nur noch der Kopf.

Hilfsbereitschaft weiterhin groß

Mittlerweile ist die große Welle der spontanen Hilfsbereitschaft des vergangenen Jahres geringer geworden. Bei mir laufen im Schnitt täglich 30 E-Mails ein.

Eine Frau trägt ein farbiges Kind auf dem Arm

Ehrenamtliche wie Katja Hamkens unterstützen die Flüchtlingsarbeit

Wir haben jetzt 870 Ehrenamtliche in unserer Datenbank, von denen wir über 600 geschult haben. Mehr als 400 konnten wir in die unterschiedlichen Arbeitsbereiche vermitteln. Die Diakonie betreut in den zehn Düsseldorfer Stadtbezirken 48 Flüchtlingsunterkünfte und drei sogenannte "Welcome Points", in denen wir Flüchtlinge und Bürger der Stadtteile zusammenbringen.

Unsere Ehrenamtlichen engagieren sich in Sprachkursen und Kindergruppen, gestalten Freizeitangebote für die Flüchtlinge oder begleiten sie zu den verschiedenen Behörden - je nachdem, was die Flüchtlingsberaterinnen und -berater als Bedarf melden.

Es sind also größtenteils längerfristige und verantwortungsvolle Hilfen, für die wir sie vorbereiten. Erst recht, wenn es sich um Patenschaften handelt. Seit kurzem kümmert sich eine Kollegin um diese besondere Form der ehrenamtlichen Betreuung. Wer sich kurzfristig und schnell engagieren will, etwa beim Verteilen von Essen oder Kleidung, den vermittle ich an die dafür zuständigen anderen Wohlfahrtsverbände, wie zum Beispiel das Rote Kreuz.

Schulung ist Voraussetzung fürs Ehrenamt

Mein Vormittag besteht meist darin, Mails zu beantworten, Fragebögen zu versenden und die Daten der ausgefüllten Fragebögen auszuwerten, um einen Überblick zu haben, wer wo und wie eingesetzt werden möchte. Außerdem verschicke ich Einladungen zu den verpflichtenden Schulungen, die ich jeden Monat dreimal anbiete. Dazu lege ich immer die Vordrucke für ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Verschwiegenheitserklärung.

Ute Clevers vor ihrem Flipchart

Schulungsinhalte pinnt Ute Clevers auch schon mal an die Wand

Die Ehrenamtlichen müssen bei uns drei Schulungstermine wahrnehmen, die jeweils drei Stunden dauern. Es gibt eine Einführung in die Grundsätze der Flüchtlingsberatung bei der Diakonie. Beim Grundlagenseminar geht es um unser Asylrecht, die Lebenssituation der Flüchtlinge sowie die Versicherung und Haftung beim Ehrenamt.

Der dritte Abend beschäftigt sich dann unter dem Thema "Begegnung gestalten" mit der Frage, warum die Ehrenamtlichen sich engagieren möchten, welche Motivation und eigene Geschichte sie für die Arbeit mitbringen und wie sie mit anderen kulturellen und religiösen Verhaltens- und Denkweisen umgehen.

Ich halte diese Reflexion und Vorbereitung auf den ehrenamtlichen Einsatz für sehr wichtig. Wer sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, kommt häufig mit viel persönlichem Leid in Kontakt und muss diese Erfahrung verstehen und verarbeiten lernen. Denn manche Geflüchtete fallen erstmal in ein tiefes Loch, wenn sie nach all den Strapazen der Flucht hier angekommen sind. Sie müssen den Verlust der Heimat verarbeiten und brauchen Zeit. Einige Ehrenamtliche erwarten aber, dass die Flüchtlinge sich direkt um das Erlernen der deutschen Sprache kümmern. Hier kann es schnell zu Missverständnissen kommen.

Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe sind anders

Am Nachmittag bin ich meistens unterwegs. Ich nehme an den "Runden Tischen" in den Stadtbezirken teil. Da bin ich dann mit Vertretern der Kommune, Vereinen, Kirchen und anderen Wohlfahrtsverbänden zusammen, um die Hilfen zu koordinieren. Dort erfahre ich auch, wo noch Bedarf an ehrenamtlicher Unterstützung ist.

Ute Clevers vor dem Stadtplan in ihrem Büro

Ute Clevers kennt sich inzwischen gut in Düsseldorf aus

In meinem Büro hängt ein großer Stadtplan. Ich kenne mittlerweile fast alle Düsseldorfer Stadtteile, denn in allen großen Unterkünften mit mehr als 200 Bewohnern haben wir Ehrenamtskreise eingerichtet, die ich regelmäßig besuche. Hier tauschen sich abends die freiwilligen Helfer über die Organisation von Sprachkursen und Freizeitangeboten und die schwierige Wohnungssuche aus.

In der Flüchtlingshilfe habe ich es mit anderen Ehrenamtlichen zu tun als ich sie etwa aus der Bahnhofsmission Krefeld kenne. Das finde ich spannend. Das Altersspektrum reicht von der 17-jährigen Schülerin bis zum 75-jährigen pensionierten Lehrer. Viele Ehrenamtliche sind junge Leute, die voll im Berufsleben stehen. Sie sind gut ausgebildet und hatten bislang wenige Berührungspunkte mit Kirche und Diakonie. Es macht mir Spaß, täglich auf so unterschiedliche Leute zu treffen.

Wenn ich abends gegen 19 Uhr in meine niederrheinische Heimatstadt Kamp-Lintfort zurückfahre, freue ich mich auf den Garten und die Ruhe der Kleinstadt.

Protokoll und Fotos: Sabine Damaschke/ Gerald Bieberdorf

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Sabine Damaschke
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