28. April 2016

Tagung Kinder- und Jugendschutz

Mehr Achtsamkeit für Flüchtlingskinder

Fast die Hälfte der Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen sind Kinder und Jugendliche. Viele leben in Gemeinschaftsunterkünften, in denen ihr Recht auf Bildung, angemessenen Lebensstandard und Gesundheit sowie auf Schutz vor Gefahren nicht ausreichend berücksichtigt wird. Das muss sich ändern, forderten jetzt evangelische Kinder- und Jugendexperten auf einer Fachtagung.

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Flüchtlingsbetreuer Hamid Raman

Der Flüchtlingsbetreuer der Diakonie Duisburg, Hamid Radan, ist ratlos. Immer häufiger besucht er in letzter Zeit Familien, deren schulpflichtige Kinder den ganzen Tag in der Gemeinschaftsunterkunft oder Wohnung sitzen. Fragt er bei den Behörden nach, stellt sich heraus, dass die Kinder nicht auf der Liste des Schulamts stehen. "Es herrscht Chaos bei den Behörden", kritisiert der 54-jährige Betreuer, der in den neunziger Jahren selbst mit einem Sohn aus dem Iran nach Deutschland flüchtete. "Hier wird das Recht auf Bildung missachtet."

Hamid Raman ist ein Glücksfall für die Diakonie. Er betreut überwiegend afghanische Familien, deren Sprache und Kultur er versteht und die ihn als Vorbild für die eigene Integration sehen. Viele Eltern seien Analphabeten, so erzählt er, und hätten insbesondere für die Bildung der Mädchen wenig Verständnis. Hier muss der gelernte Physiker immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, damit die Mädchen tatsächlich zur Schule gehen. Wenn sie dann überhaupt nicht registriert seien, erschwere das seine Arbeit enorm, betont der Betreuer.

Ausgeschlossen vom Recht auf Bildung

Was Hamid Raman in Duisburg erlebt, ist kein Einzelfall. Das wurde auf dem Fachtag zum Kinder- und Jugendschutz in der Flüchtlingsarbeit deutlich, zu dem der Evangelische Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz NRW am Dienstag nach Wuppertal eingeladen hatte. "Insbesondere Kinder, die aufgrund der schlechten Bleibeperspektive ihrer Familien länger in Erstaufnahmeeinrichtungen leben, sind vom Recht auf Bildung ausgeschlossen", erklärte Martina Huxoll-von Ahn. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW. "Das muss sich dringend ändern."

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Kinderschutzexpertin Martina Huxoll-von Ahn

Kritik übte die Kinderschutzexpertin auch an der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Massenunterkünften. Die räumliche Enge, die häufig nicht abschließbaren sanitären Anlagen, das Fehlen eines betreuten Spiel- und Freizeitbereiches entspreche nicht den Standards der UN-Kinderrechtskonvention, die Deutschland 1989 ratifiziert habe. "Die Kinder und Jugendlichen sind zur Langeweile verdammt und gewaltsamen Übergriffen der Erwachsenen oft schutzlos ausgeliefert."

Die für die Unterkünfte zuständigen Ausländerbehörden seien mit den Standards der Kinder- und Jugendhilfe häufig nicht vertraut, so Huxoll-von Ahn. Die Jugendhilfe müsse hier aktiver eingreifen. "Die Jugendämter haben eine Wächterfunktion und die sollten sie stärker wahrnehmen."

Wie umgehen mit rigiden Erziehungssystemen?

Der Wuppertaler Jugendamtsleiter Dieter Verst betonte, in seiner Kommune werde der Kinderschutz in der Flüchtlingsarbeit weitgehend berücksichtigt. Die meisten Familien seien dezentral untergebracht, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge lebten nicht in Turnhallen. Sorge bereiten dem Jugendamtsleiter aber die Wohn- und Lebensverhältnisse der osteuropäischen Zuwanderer. "Wir erleben dort zum Teil schlimme Verwahrlosung, haben aber zu etwa drei Viertel dieser Familien keinen Zugang."

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Jugendamtsleiter Dieter Verst

Verst hofft nun auf den "Masterplan Integration", an dem in Wuppertal gerade gearbeitet wird. Er soll mehr Personal für die aufsuchende Sozialarbeit sowie besseren Wohnraum und Partizipationsangebote für Flüchtlinge und Zuwanderer schaffen. In den Zuwandererfamilien gebe es häufiger rigide Erziehungssysteme, Mädchen und Frauen würden stark benachteiligt. "Es ist wichtig, dass wir hier unseren Wertekanon vermitteln, aber bis dieser verinnerlicht ist, wird es sicher zwei Generationen dauern", ist der Jugendamtsleiter überzeugt.

Genau hinschauen statt Gerüchten glauben

Viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter sind nach Beobachtung des westfälischen Landesjugendpfarrers Udo Bußmann in der Flüchtlingsbetreuung so intensiv als "Allrounder" tätig, dass dabei leicht der Kinderschutz aus dem Blick gerät. "Hier müssen wir auf landespolitischer Ebene Standards entwickeln, an denen sich die Mitarbeiter orientieren können." Dazu gehören für ihn Informationen, Schulungen und Kooperationen mit Beratungsstellen.

Teilnehmer der Tagung

Aufmerksamer Zuhörer: Pfarrer Udo Bußmann (vorne links)

Denn was tun, wenn ein Flüchtlingskind blaue Flecken hat oder ein Baby von der Mutter mit Kaffee verbrüht wurde? Eine Frage, die Flora vom Hofe von der Beratungsstelle für Flüchtlinge und Asylsuchende in Neukirchen-Vluyn stellte. "Da müssen wir genauer hinsehen, aber gleichzeitig dürfen wir die erwachsenen Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen und jedem Gerücht glauben."

Gute Erfahrung hat die Sozialarbeiterin mit ehrenamtlichen Paten gemacht, die sich intensiver um Flüchtlingsfamilien kümmern und daher auch einen besseren Einblick haben, wie es um das Wohl der Kinder steht. Neben diesem Modell spielt ebenfalls die Gewinnung ehrenamtlicher Vormünder eine wichtige Rolle, betonte Diakonie RWL-Referent Remi Stork. "Gerade für den Schutz von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist es wichtig, dass wir mehr ehrenamtliche Vormundschaften haben", betonte er. "Das wollen wir als Diakonie auf der landespolitischen Ebene voranbringen." Vorbild dafür kann Wuppertal sein. Hier nämlich startete das Diakonie-Projekt "Do it!" bereits vor neun Jahren.

Der Evangelische Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz NRW ist ein Zusammenschluss der Mitglieder der Diakonie RWL, der Evangelischen Jugend im Rheinland, der Evangelischen Jugendarbeit in Lippe und der Jugendkammer der Evangelischen Kirche von Westfalen, die auf dem Gebiet des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes tätig sind.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrike Martin
Kinder- und Jugendschutz
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