14. April 2016

Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Elternersatz auf Zeit

Manchmal sind ihre Pässe verschwunden, das Asylverfahren stockt oder es gibt Ärger in der Schule – und immer fehlen ihnen ihre Eltern: in Dortmund leben mehr als 1.000 minderjährige Flüchtlinge, die sich allein nach Deutschland durchgeschlagen haben. Im Diakonie-Projekt "Do it!" werden sie von ehrenamtlichen Vormündern als rechtliche Vertreter unterstützt – in allen Lebenslagen.

Vormund Stamm sitzt mit seinen Mündeln auf dem Sofa und sieht Briefe an

Paul-Gerhard Stamm liest mit Raman und Saman (v.(l.) die Behördenpost

Raman Hussein fährt mit dem Zeigefinger über die vielen Wörter des Briefes: "Die hierfür tatbestandlich vorausgesetzte außergewöhnliche Härte liegt nach eingehender Würdigung der Sachlage nicht vor", steht dort. "Eine atypische Fallgestaltung..." Raman gibt auf. "Ich verstehe nicht", sagt er. Jetzt beugt sich Paul Gerhard Stamm über die Behördenpost auf Ramans kleinem Wohnzimmertisch. "Es heißt, dass deine Schwester nicht nach Deutschland kommen darf", sagt er dem 18-jährigen Syrer mit der hochgestylten Haartolle – und verspricht, sich weiter bei den Behörden dafür einzusetzen.

Der 66-jährige Dortmunder besucht Raman regelmäßig in seiner kleinen Wohnung, in der er von einer Jugendhilfeeinrichtung betreut wird, seit er aus der Sammelunterkunft für Asylbewerber ausgezogen ist. "Herr Stamm hilft mir immer", betont Raman, der vor eineinhalb Jahren als Jugendlicher ohne Deutschkenntnisse aus Syrien nach Dortmund kam. Er lächelt trotz der schlechten Nachrichten.

Raman kocht Tee für seine Gäste

Hilfe bei schwieriger Bürokratie

Paul Gerhard Stamm hat schon viele schwierige Briefe und Anträge für seine beiden Mündel Raman Hussein und Saman Omar gelesen und geschrieben, vor allem hat er "ein halbes Jahr quasi ununterbrochen telefoniert" mit der deutschen Botschaft in der Türkei, mit den deutschen Einwanderungsbehörden, mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen –  und mit dem Ergebnis, dass die Eltern und die minderjährigen Geschwister beider Mündel inzwischen legal nach Dortmund einreisen konnten. "Herr Stamm kann alles schaffen", sagt deshalb Saman, der Raman schon aus der Erstaufnahmestelle für Asylsuchende kennt. Beide waren 16, als sie ohne ihre Eltern aus Syrien in Dortmund ankamen. Und für beide hat der ehemalige Dortmunder Superintendent die Vormundschaft übernommen.

100 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern werden in Dortmund von 93 ehrenamtlichen Vormündern betreut, 15 weitere haben gerade ihre Ausbildung im "Do it"-Projekt des Diakonischen Werkes Dortmund und Lünen abgeschlossen und warten darauf, dass das Dortmunder Vormundschaftsgericht ihnen ein Mündel zuteilt. "Das Engagement der Bürger hier ist überwältigend", sagt Uta Schütte-Haermeyer, die den Fachbereich Migration und Integration leitet. "Ungefähr 100 Freiwillige haben sich schon bei uns gemeldet und wollen sich ebenfalls schulen lassen, das können wir gar nicht bewältigen."

Portrait

Uta Schütte-Haermeyer wünscht sich eine Regelfinanzierung des Projekts

Ideale Form der Integration

Drei Schulungsmodule absolvieren die angehenden Vormünder, bevor sie die Verantwortung an Stelle der Eltern übernehmen – große Verantwortung. "Sie müssen entscheiden, wie sie das Asylverfahren der Jugendlichen handhaben, sie sind für Gesundheit, Ausbildung und die Aufenthaltsbestimmung ihrer Mündel verantwortlich, die in Jugendhilfeeinrichtungen wohnen", erzählt Uta Schütte-Haermeyer. Vor allem das Asylrecht sei dabei "extrem herausfordernd", weil die Bestimmungen sich immer wieder ändern und die richtige oder falsche Anwendung über das Schicksal einer ganzen Familie entscheiden könne.

Einmal im Monat treffen sich die ehrenamtlichen Vormünder und bearbeiten zusammen mit Hauptamtlichen "die Themen, die anstehen." Die perfekte Form von Integration sei das, findet sie. "Alle minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge müssen ja einen Vormund haben: ein Amtsvormund betreut aber ungefähr 50 Mündel, der kann gar nicht tiefer in die Fälle einsteigen."

Portrait

Projektmitgründer Achim Pohlmann

Bangen um die Finanzierung

Um das Geld für das Projekt muss Schütte-Haermeyer dennoch immer wieder bangen – obwohl „Do it!“, das vor neun Jahren von der Diakonie Wuppertal aus der Taufe gehoben wurde, in vielen Städten ein Erfolgsmodell ist, wie Projektmitgründer Achim Pohlmann erklärt. Im vergangenen Jahr sind fast 600 Anfragen von Kommunen bei ihm eingegangen, die sich für das Projekt interessierten. Alle fänden die Idee des Projekts "gut und einleuchtend", sagt Pohlmann, "aber wenn es um die konkrete Finanzierung geht, sieht die Sache leider häufig anders aus."

Uta Schütte-Haermayer kann das nur bestätigen. "Es läuft alles nur auf Projektbasis, eine Strukturförderung von der Stadt wurde gerade erst wieder abgelehnt", ärgert sich die Fachbereichsleiterin. Nur noch eine 10-Stunden-Stelle finanziert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mittlerweile. Doch zum Glück gab es gerade 95.000 Euro von der Deutschen Fernsehlotterie für das Projekt. Damit kann die Diakonie für eineinhalb Jahre eine volle hauptamtliche Stelle bezahlen.

Eine Investition, die sich für die Kommune lohnt. Denn die ehrenamtlichen Vormünder betreuen die jungen Flüchtlinge oft noch über ihr 18. Lebensjahr hinaus. Auch Paul Gerhard Stamm fühlt sich immer noch für Raman und Saman verantwortlich. "Die Vormundschaft endet für mich nicht mit der Volljährigkeit, sondern wenn sie mich nicht mehr brauchen", sagt er.

mit Buntstiften gemaltes Bild

Tote auf der Flucht - Raman hat ein Bild dazu gemalt

Hoher Erwartungsdruck der Familien

Schließlich hat Stamm mit seinen Mündeln viel erlebt. Raman, der im Sommer 2014 als 16-Jähriger aus dem Nordosten Syriens zu Fuß in die Türkei und dann nach Deutschland floh, schnitt sich einmal seinen ganzen Oberarm auf, weil er den Erwartungsdruck seiner Familie nicht mehr aushielt. 9.000 Euro hatte der Vater an Schlepper bezahlt.

"Seine Eltern haben erwartet, dass er das hier alles hinkriegt, dass sie ganz schnell kommen können und dann fehlten Urkunden, um ein Visum zu bekommen, sein 18. Geburtstag nahte und danach hätten sie gar kein Recht mehr gehabt zu kommen", erzählt Stamm. Er suchte damals einen Therapeuten und eine neue Wohnung für Raman, als es in der ersten zu Prügeleien mit Mitbewohnern kam. "Ich kläre Probleme, den Alltag bewältigen die Jungen selbst – so gut sie können", betont er. "Was ist das wichtigste deutsche Wort, Raman?" - "Termin", antwortet der und lacht. "Genau", sagt Stamm. "Dazu gehört auch die Schule morgens."

Text und Fotos: Miriam Bunjes

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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