8. Oktober 2015

Chancen der vertraulichen Geburt

Faden zwischen Mutter und Kind reißt nicht ab

Seit über einem Jahr gibt es die Möglichkeit der vertraulichen Geburt. Frauen können bei der vertraulichen Geburt ihr Kind unter Pseudonym zur Welt bringen. Die Frauen bleiben dabei anonym. Später kann aber anhand des Pseudonyms der Kontakt zwischen Mutter und Kind wieder hergestellt werden. Was hilft, wenn Frauen in Panik feststellen, dass sie schwanger sind? Welche Vorteile bietet die vertrauliche Geburt für schwangere Frauen? Die Beraterin Iris Jares von der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle Duisburg/Moers berichtet aus der Praxis.

eraterin Iris Jares von der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle Duisburg/Moers Porträt

eraterin Iris Jares von der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle Duisburg/Moers 

Seit über einem Jahr gibt es die vertrauliche Geburt. Was ist damit gemeint?

Die vertrauliche Geburt ermöglicht es schwangeren Frauen, ihr Kind unter Pseudonym zur Welt zu bringen und dann abzugeben. Die Daten der Mutter und des Kindes werden aufbewahrt. Die Mutter kann jederzeit die Anonymität aufgeben. Mit 16 Jahren hat dann auch das Kind die Möglichkeit, die Kontaktdaten der Mutter zu erhalten, wenn die Mutter kein Veto einlegt. Mit der Möglichkeit der vertraulichen Geburt möchte der Gesetzgeber Kindstötungen und die Abgabe von Babys in der Babyklappe verhindern. Gleichzeitig sollte die Hilfe für schwangere Frauen ausgebaut werden. Für Krankenhäuser bedeutet die vertrauliche Geburt zudem ein rechtlich klares Verfahren, das Frauen ermöglicht, ihr Kind anonym zur Welt zu bringen. Die Entbindungskosten werden vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Angelegenheiten übernommen, dort werden auch die Daten in dem sogenannten Herkunftsnachweis sicher aufbewahrt. Die Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen spielen bei der vertraulichen Geburt eine entscheidende Rolle. Sie begleiten die Frau in dem Prozess.

Wie funktioniert das konkret?

Konkret funktioniert das so: Eine schwangere Frau kommt zu uns in die Beratungsstelle und möchte sich über Hilfsmöglichkeiten informieren. Manche Frauen realisieren erst spät, dass sie schwanger sind. Es gibt Fälle, da bemerken es die Frauen erst, wenn sie schon Wehen haben. Sie negieren die Schwangerschaft, vielleicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Einige Frauen sind in Panik und können nicht mehr planvoll handeln. Sie brauchen jemanden, dem sie sich anvertrauen können.

Wir in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle informieren dann über Hilfsmöglichkeiten und darüber, welche Alternativen es gibt und eine Alternative ist die vertrauliche Geburt. Dafür überlegt sich die Frau ein Pseudonym, das sie sich ein Leben lang merken kann. Die Kontaktdaten der Frau werden bei uns hinterlegt. Entscheidet sich eine Frau für die vertrauliche Geburt, überlegen wir mit ihr, ob sie einen Vornamen festlegen möchte, ob sie dem Kind einen Brief schreiben will, vielleicht über ihre Beweggründe. Aber auch Vorerkrankungen in der Familie können festgehalten werden. Wir suchen gemeinsam eine Klinik aus, informieren das Jugendamt, dass das Kind nach der Geburt in Obhut nehmen wird und knüpfen erste Kontakte zur Adoptionsvermittlungsstelle – alles unter Pseudonym. Das Jugendamt ist nach der Geburt der Vormund des Kindes. Die Mutter hat nach der Geburt dann die Möglichkeit, in ihr altes Leben zurückzukehren.

Was ist der Vorteil gegenüber der anonymen Geburt, die ja von manchen Krankenhäusern angeboten wird?

Der große Vorteil der vertraulichen Geburt gegenüber der anonymen Geburt ist, dass die Kontaktmöglichkeit zwischen Mutter und Kind ein Lichtstreif am Horizont ist und möglich bleibt. Der Faden reißt nicht ab. Bei der anonymen Geburt, die zudem in einem rechtlichen Graubereich stattfindet, wird ein Kontakt nie mehr möglich sein. Aber diesen Wunsch kann es bei Mutter oder Kind in Zukunft vielleicht geben. Für den Fall ist ein späteres Kennenlernen von Mutter und Kind möglich.

Die vertrauliche Geburt gibt es seit Mai 2014. Wie viele vertrauliche Geburten gab es in Deutschland?

In ganz Deutschland  gab es bisher 142 vertrauliche Geburten, 6 Frauen haben ihre Anonymität aufgegeben. Die Anzahl der vertraulichen Geburten sind  höher als vom Gesetzgeber erwartet, der rechnete zunächst mit 60 bis 80 Fällen im Jahr  in Deutschland. Leider sind mit der neuen Möglichkeit der vertraulichen Geburt die Zahlen der Kindstötungen bisher nicht signifikant zurückgegangen. Ein Teil der Frauen befindet sich  in einer solchen Paniksituation, dass  es ihnen unmöglich ist, planvoll zu handeln. So werden auch die Babyklappen weiterhin genutzt, die man ursprünglich verbieten wollte.

Mit welchen Problemen kommen die Frauen zu Ihnen und warum ist diese neue Möglichkeit der vertraulichen Geburt wichtig?

Die Frauen stammen aus keiner besonderen Schicht oder Ethnie. Es sind jüngere Frauen, Frauen um die 40, aber auch minderjährige Mädchen. Sie alle realisieren die Schwangerschaft meist sehr spät, manche haben Gewalt in der Beziehung erlebt oder Angst vor dem Lebenspartner. Manche Frauen hatten eine Affäre, eine Außenbeziehung und haben jetzt Angst vor der Trennung vom Ehemann und der Familie.

Einige Frauen entscheiden sich für die vertrauliche Geburt, weil sie Angst haben, dass in einem regulären Adoptionsprozess die Vertraulichkeit nicht gewahrt bleibt. Adoptionsvermittlungsstellen wollen – im Sinne des Kindes – viel wissen. Außerdem muss bei einer Adoption auch der Kindsvater zustimmen. Wenn die Mutter nicht verheiratet ist oder das Kind außerhalb einer Beziehung entstanden ist, dann ist das oft ein Problem. Manchmal gibt es gar keinen Kontakt mehr zum Vater des Kindes.

Mütter, die bereits mehrere Kinder haben, fürchten oft auch das Jugendamt, wenn sie zum Beispiel schon einmal erlebt haben, dass ein Kind aus der Familie herausgenommen wurde. Sie haben Angst davor, dass ihre Erziehungsfähigkeit vielleicht erneut angezweifelt werden könnte. Junge Mädchen haben oft die Angst, ihren Eltern von der Schwangerschaft zu berichten. Die vertrauliche Geburt ist für einige Frauen dann eine Möglichkeit, ihr Kind auf diesem Weg zur Welt zu bringen.

Was hilft Frauen in Not, sich für ein Kind zu entscheiden?

Die Frau muss sich auf unsere Loyalität und Schweigepflicht total verlassen können. Und wir beraten ergebnisoffen. Die Frau bestimmt die Beratung. Ihre Entscheidung wird akzeptiert und respektiert. Entscheidet sie sich für ein Leben mit dem Kind, werden ihr alle Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt und gegebenenfalls vermittelt, ebenso wenn sie sich für eine geregelte Adoption entscheidet. Wenn die Frau ihr Kind vertraulich zur Welt bringen möchte, so kümmern wir als Beraterinnen  uns emphatisch und verständnisvoll um alles Weitere im Sinne von Mutter und Kind. Ich glaube, das ist das, was den Frauen in dem Moment hilft. Da ist jemand, der wird das gut regeln, der hat die Fäden in der Hand und ich kann mein Kind unbesorgt zur Welt bringen. Es sind in diesen Fällen nicht finanzielle Nöte, die im Vordergrund stehen. Es ist eine psychische Belastung, in der sich die Frau befindet und oft die Angst vor Überforderung. Das Gefühl, da ist jemand, der kümmert sich, der akzeptiert mich und der wertet nicht. Das ist auch ein großer Vorteil der vertraulichen Geburt: Es sind sehr viele Akteure mit im Spiel, damit die Anonymität gewahrt bleibt, die Frau hat aber – wenn sie das wünscht – nur mit einer Person zu tun und das ist die Beraterin in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle.

Das Gespräch führte Sabine Portmann

Die Diakonie RWL qualifiziert die Mitarbeiterinnen in den Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen für die Beratung zur Vertraulichen Geburt. 105 von 135 Beraterinnen haben sich bereits zu dem Thema fortgebildet.

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