21. September 2015

Gemeindediakonie

Mehr Profil durch soziales Engagement

Wo fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt wird und Fußball die Pausengespräche bestimmt, da lebt eine besondere Frömmigkeitsform – der Ruhrgebietsprotestantismus. In den Industriedörfern der Stadtlandschaft zwischen Hamm und Wesel hat man viel Erfahrung mit Integration in der Nachbarschaft. Hier gibt es viele gute Orte, um exemplarisch auszuloten, wie Kirchengemeinden als soziale Akteure den Sozialraum mitgestalten können.

Eine illustre Schar von diakonischen Unternehmerpersönlichkeiten aus Rheinland und Westfalen kam jetzt an einem solchen guten Ort, in der typischen Ruhrgebiets-Gemeinde Oberhausen-Königshardt-Schmachtendorf, zusammen, um Chancen und Grenzen gemeindlicher Diakonie im Kontext zu reflektieren. Den Kontext bilden aktuelle sozialpolitische Herausforderungen, insbesondere die Flüchtlingsfrage. Den Kontext bilden zugleich etablierte, womöglich verfestigte Strukturen diakonisch-kirchlicher Sozial- und Organisationsgestaltung. Da müssen die früher „Anstalten und Werke“ genannten diakonischen Unternehmen sich im Wettbewerb am Sozialmarkt bewähren und sich zugleich permanent auf ihre Kirchlichkeit hin befragen lassen. Eine Szenerie voller Widersprüche, Konflikte und wechselseitiger Fehlwahrnehmungen.


Bei Widersprüchen soll Wissenschaft helfen. Diesen Glauben lassen sich Protestanten nicht nehmen. Anknüpfungspunkt für das Fachgespräch in Oberhausen war das Buch „Nah dran. Werkstattbuch für Gemeindediakonie“. Hier werden die sozialdiakonischen Aktivitäten der Ruhrgebiets-Kirchengemeinden empirisch untersucht und kritisch hinterfragt. Zugleich werden hier sozialethische, sozialpolitische und organisationstheoretische Perspektiven aus wissenschaftlicher Sicht eingebracht. Und 14 Protagonisten aus Kirchengemeinden von Duisburg bis Hamm-Herringen berichten anschaulich und beispielgebend von dem, was sie tun.

Impulse für Konzeption, Organisation und Kultur

Welche Impulse lassen sich aus dem Werkstattbuch gewinnen? Gerhard K. Schäfer, Rektor der Evangelischen Fachhochschule Bochum und einer der Herausgeber, sieht in Gemeinden ein besonderes Kraft- und Energiefeld, in dem die Fähigkeit zur Hilfe für andere geweckt, erneuert und gestärkt wird. Die Bindung an Kirche, so hat es jüngst noch einmal die EKD-Mitgliedschaftsstudie erwiesen, erfolgt entscheidend durch lokale interaktive Kommunikation. In Kirchengemeinden, so Schäfer, wird ein Ethos der Solidarität systematisch kultiviert. Die empirischen Annäherungen an die gemeindediakonischen Aktivitäten von Kirchengemeinden im Revier zeigen, dass diakonische Aktivitäten hohe Bedeutung haben. Dem entspricht allerdings nicht eine systematische Verankerung in Haushalt und Stellenplänen. Dennoch schließt sich Schäfer von den Ergebnissen der Ruhrgemeinden-Studie her der These von Gerhard Wegner an, dass Kirchengemeinden, die sich in den Sozialraum öffnen, keine Ressourcenprobleme haben werden.

Ambivalent schätzt Schäfer die Folgen von Fusionen für Gemeinden ein: Einerseits besteht die Gefahr, dass der gewachsene Sozialraum diffundiert, andererseits gibt es neue Möglichkeiten konzeptioneller und strategischer Verankerung gemeindediakonischer Initiativen und Maßnahmen. Kritisch sieht der Theologieprofessor bei den Gemeindeaktivitäten die Dominanz einer Barmherzigkeitsdiakonie, die ihre Erfüllung wesentlich darin findet, für andere da zu sein. Diese „Dominanz des Für-Handelns“ knüpft an das zum Schlagwort geronnene Bonhoeffer-Zitat von der Kirche für andere an, bedarf aber im Lichte einer auf Teilhabe, Selbsthilfe und Partizipation setzenden Theorie des Helfens kritischer Überprüfung.

Dieter Beese, ein weiterer Buchautor und zugleich Landeskirchenrat in Bielefeld und Theologieprofessor mit besonderem Faible für Kybernetik, stellte die diakonische Gemeinde als Gemeinde für alle Generationen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Intensiv hat er vor allem die Kirchengemeinde Bochum- Weitmar beobachtet. Auch wenn Weitmar nicht die Welt ist, so lassen sich von dieser „generationensensiblen“ Kirchengemeinde her doch verallgemeinerbare Schlüsse ziehen. „Offenheit profiliert“, so lautet Dieter Beeses paradoxe These: „Je mehr sich die Gemeinde geöffnet hat, desto profilierter wurde sie.“ Beese betont zwar, dass es eine Fülle an Gestaltungsaufgaben gebe, aber im Kern würde aus dem Spannungsfeld von Pluralität und Individualität kein Risiko, sondern eine Ressource.

Gutes unternehmen

Die Diakonie Mark-Ruhr, so die klare Ansage ihres Theologischen Geschäftsführers Martin Wehn, ist ihrem Selbstverständnis nach wie im praktischen Handeln an Menschen mit Hilfebedarf unternehmerisch ausgerichtet. Fachliche Kompetenz, kirchliche Bindung und betriebswirtschaftliche Ergebnissicherung gehören eng zusammen. „Keine Dimension hat Vorrang, aber jede hat ein Vetorecht“, so lautet das Credo für Ausrichtung und Führung dieses diakonischen Unternehmens, das 3.600 Mitarbeitende beschäftigt und sich über vier Kirchenkreise erstreckt. Nüchtern konstatiert Wehn: „Wir können nicht umstandslos kirchliche Interessen durchsetzen, wenn wir zu 99 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.“ Seine Selbstreflexion unterlegte Wehn mit historisch grundierten Zuschreibungen zur Geschichte des Helfens. Wenn diakonisch gesehen das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Barmherzigkeit gewesen sei, sei das 20. Jahrhundert das der Gerechtigkeit und das 21. könne zum Zeitalter des Empowerments, der (Selbst-)Ermächtigung, werden. Aus Mittagsgästen bei der Tafel werden Helfer und Flüchtlinge sind alles andere als schwach. Hier könne auch die Gemeindediakonie neu mit durchstarten.

Aus unterschiedlichen Richtungen und mit immer wieder anderen Akzenten wäre es beim Oberhausener Fachgespräch fast zum Konsens gekommen: Die Konsensformel: Öffnung bedeutet Zugewinn. Etwas abgeschwächter gesagt: Aus geschlossenen Systemen müssten teilgeschlossene Systeme werden – da würde dann auch das Flüchtlingsthema zu einer großen Chance. Etwas konkreter gesagt: Die versäulte Fachlichkeit in diakonischen Unternehmen muss aufgebrochen werden. An dieser Stelle hielt ein Gesprächsteilnehmer vehement die Gegenrede. Die hohe Professionalität in geschlossenen Systemen sei unaufgebbar. Das Feindbild vom „Tanker“ sei wenig hilfreich. Eigenwelten des Helfens mit ihren durchaus sinnvollen Eigenlogiken seien auf dem Weg der Veränderung; dies sei aber überaus schwierig.

Die Sicht der Kommunen

Elke Münich wirkt in Oberhausen als Beigeordnete für Familie, Bildung und Soziales. Aus Aachen vor kurzer Zeit erst nach Oberhausen zugezogen, kann sie fast noch von außen auf diese Großstadt im Revier blicken, die von 1992 bis 2011 unter Haushaltssicherung stand, durchaus aber auch „Leuchttürme und Juwelen“ vorzuweisen hat, von denen die Dezernentin mit Begeisterung zu erzählen weiß. Das Wirken der Wohlfahrtsverbände und der Kirchen gerade bei den aktuellen sozialpolitischen Herausforderungen, nicht nur in der Flüchtlingsfrage, erfüllt sie mit Dankbarkeit. Sie sieht Diakonie und Kirche als „Helfer und Lobby und zugleich Stachel im Fleisch der Stadtgesellschaft“. Zum aktuellen Megathema Flucht hat sie eine klare Position: „Die Zahl der Flüchtlinge an sich ist nicht das Problem, sondern die Schnelligkeit des Zuzugs und die Frage der Integration.“ Münich plädierte für eine realitätsgesättigte Ansage der Politik an die Bürger, etwa so: „Es wird nicht alles besser werden. Wir schaffen das. Aber es wird nicht schnell gehen. Wir müssen auch vermitteln, dass es nicht so schnell geht.“ Den Dank von kommunaler Seite für das, was Kirche leistet, gab ein Gesprächsteilnehmer zurück: Es sei „sagenhaft, was in den Kommunen geleistet wird.“

Neue Sozial-Partnerschaften

Man könnte resümieren, dass es ein dreifaches Oberhausen-Fazit gibt: Fazit 1: Die Gemeinden sind diakonischer als sie denken. Fazit 2: Die Diakonie ist kirchlicher, als viele denken. Fazit 3: Armutswanderung und Flucht sind heftige Herausforderungen für das Aufnahmeland Deutschland. Praktische, soziale und kulturell-mentale Integration ist ein Großprojekt von langer Dauer. Im Angesicht dieser Anforderungen könnten sich aber Sozialpartnerschaften neuen Typs bilden. Zu einer solchen „Sozialpartnerschaft“ gehören neue Allianzen der Hilfe von Kommunen und Kirchengemeinden, von Diakonie und Landes-Sozialpolitik und von hauptamtlicher Fachlichkeit mit ehrenamtlichem Engagement. Alle Partner dieser potenziellen neuen Sozialpartnerschaften sind für sich im Zeitalter der Postwachstumsgesellschaft angekommen. Auf mehr Wirtschaftskraft, mehr Professionalität, mehr Personal kann keiner mehr setzen. Im Ruhrgebiet gelang im Zeitalter der Großen Industrie Integration durch Arbeit, Wohlstand und Konsum. Das war gewissermaßen Oberhausen I. Oberhausen II wäre der Aufbau einer sozialen Bürgergesellschaft neuen Typs. Die etwas in die Jahre gekommene und gelegentlich von Beziehungskrisen geschüttelte Sozial-Partnerschaft von Diakonie und Sozialstaat könnte dabei eine wesentliche Rolle übernehmen.

Reinhard van Spankeren

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