11. August 2015

Jugendhilfe für junge Erwachsene

Heimkinder nicht im Regen stehen lassen

Jugendliche, die sich in der Obhut des Jugendamtes befinden, sollten nach Ansicht der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe auch über ihren 18. Geburtstag hinaus betreut werden. „Der Verschiebebahnhof der Zuständigkeiten zwischen Jugendhilfe und Jobcenter muss endlich aufhören“, fordert die Geschäftsbereichsleiterin für Familie, Bildung und Erziehung bei der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring, anlässlich des Internationalen Tages der Jugend am 12. August.

Helga Siemens-Weibring Portrait

Helga Siemens-Weibring

Um Kosten zu sparen, entließen viele kommunale Jugendämter betroffene Jugendliche mit dem Tag ihrer Volljährigkeit aus der Verantwortung und verwiesen auf die Zuständigkeit der Jobcenter. „Dabei besteht bis zum Alter von 27 Jahren durchaus ein Recht auf Unterstützung im Rahmen der Jugendhilfe“, betont Siemens-Weibring. Doch dabei handele es sich bis zum 21. Lebensjahr um eine „Soll“- und danach um eine „Kann-Vorschrift“, die in der Praxis kaum angewendet werde.

Obdachlosigkeit verhindern

Tanja Buck Portrait

Tanja Buck

„Heutzutage brauchen selbst 18-Jährige aus intakten Familien die Unterstützung ihrer Eltern, wenn sie eine Wohnung suchen oder sich um Ausbildung und Studium bewerben“, betont die Referentin für Erziehungshilfe, Tanja Buck. „Das gilt erst recht für junge Menschen, die in der stationären Jugendhilfe groß geworden und aufgrund ihrer Geschichte oft stark emotional belastet sind.“

Insgesamt befinden sich rund 53.000 Kinder und Jugendliche in NRW im Rahmen der stationären Jugendhilfe in der Obhut des Jugendamtes. Sie leben in Heimen, Wohngruppen oder bei professionellen Pflegeeltern. Rund ein Drittel der Jugendlichen, die mit 18 Jahren aus der stationären Jugendhilfe entlassen werden, haben laut Buck weder eine Ausbildung noch einen Job und sind ganz auf sich alleine gestellt. Nicht selten landeten sie in der Obdachlosigkeit, nachdem sie mit krisenhaften Situationen überfordert gewesen seien und keine geeigneten erwachsenen Ansprechpartner gefunden hätten, beobachtet die Expertin.

In einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auftrag der Vodafone-Stiftung werden die jungen Menschen als „entkoppelte Jugendliche“ bezeichnet, weil sie aus Schule, Ausbildung und sozialen Strukturen herausgefallen sind. In ganz Deutschland sollen Schätzungen zufolge rund 20.000 Jugendliche betroffen sein. Viele von ihnen waren zuvor in der Obhut des Jugendamtes.

Hilfen aus einer Hand

Die Diakonie RWL drängt nun auf eine andere Organisation der Hilfestruktur. Die Jugendämter müssten eine längere sozialpädagogische Begleitung sicherstellen, die über das 18. Lebensjahr hinausgeht, so Buck. „Statt vieler einzelner Projekte, die es je nach Kassenlage in den Kommunen schon heute gibt, brauchen wir Hilfen aus einer Hand.“ Das könne zum Beispiel durch Beratungsstellen geschehen, die den jungen Erwachsenen bei der Wohnungs- und Jobsuche sowie Behördengängen helfen.

Eine andere Möglichkeit besteht laut Buck darin, eigene Appartements für volljährige Jugendliche einzurichten, die an Wohngruppen angegliedert sind. Dies bieten bereits einige diakonische Einrichtungen wie die Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf an. Doch die Jugendhilfe finanziere diese Wohnmodelle nur in Ausnahmefällen. Keine Chance hätten Jugendliche, die nach dem gescheiterten Versuch, alleine zu leben, wieder in ein betreutes Wohnen zurück wollten, so Buck. „Die Jugendhilfe darf diese jungen Menschen nicht aufgeben.“

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