20. August 2015

Organspende

Viele Ängste trotz Kampagnen

In Deutschland warten rund 11.000 Patienten auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Doch nur knapp 900 Organe standen im vergangenen Jahr zur Verfügung. Trotz massiver Werbekampagnen für eine größere Spendenbereitschaft entscheiden sich die meisten Deutschen dagegen. Der massive Organmangel ist für die Kliniken ein großes Problem. Auf einer Tagung der Diakonie RWL in Wuppertal schilderten Ärzte und Klinikseelsorger ihre Erfahrungen.

Organspendeausweis

Organspendeausweis

Hilal Yahya liebt seinen Beruf als Chirurg. Doch manchmal fragt er sich, warum er den Job als Transplantationsbeauftragter des Evangelischem Klinikums Niederrhein in Duisburg angenommen hat. „Laut Transplantationsgesetz sind wir gehalten, die Zahl der Organspenden zu steigern, aber sollen dies mit einem ergebnisoffenen Gespräch erreichen“, erzählt er. „Das ist ein Widerspruch, der sich in der Praxis nur schwer auflösen lässt.“ Hilal Yahya versucht es trotzdem. Er überbringt die Todesnachricht, klärt Angehörige über die Möglichkeit der Organspende auf und unterstützt sie dabei, eine Entscheidung zu treffen, mit der sie leben können.

Hochemotionale Entscheidung im sterilen Klinikalltag

Mediziner Hilal Yaha (l.) mit Kollege Carsten Isselhorst

Mediziner Hilal Yaha (l.) mit Kollege Carsten Isselhorst

Eine schwierige und belastende Aufgabe, die der Duisburger Chirurg rund 60 Mal im Jahr bewältigen muss. „Es reicht bei weitem nicht, nur medizinisch aufzuklären“, betont Yahya. „Im sterilen Klinikalltag muss ich eine Atmosphäre des Vertrauens aufbauen, damit die Angehörigen mit mir über ihre Verlust- und Schuldgefühle oder ihre Ängste reden.“ Schließlich soll am Ende eine Entscheidung stehen, mit der sie weiter leben können. Und die wird – zur Enttäuschung vieler Ärzte – in den meisten Fällen gegen eine Organentnahme getroffen. In Duisburg kommt es laut Yahya nur rund zehnmal im Jahr zu einer Explantation.Für den Mediziner ist daher klar: die gesetzlichen Regelungen zur Transplantation greifen nicht. Zwar sieht die Novellierung des Gesetzes im Jahr 2012 eine massive Bewerbung der Organspende durch die Krankenkassen vor, doch das führte keineswegs zu einer größeren Spendenbereitschaft. Zwar sprechen sich knapp 80 Prozent der Menschen für eine Organspende aus, aber nur knapp jeder dritte hat bislang einen Spendeausweis. Mit dem Ergebnis, dass nur 16 Prozent aller Zustimmungen zur Organspende aufgrund schriftlicher oder mündlicher Willensbekundungen des Verstorbenen erfolgen. In knapp 84 Prozent entscheiden die Angehörigen.

Seelsorger als unabhängige Berater

Die Gründe für die große Zurückhaltung sind vielfältig und haben vor allem mit diffusen Ängsten zu tun. „Eine gute Begleitung durch Klinikseelsorger ist deshalb sinnvoll“, betont die Geschäftsbereichsleiterin für Krankenhaus und Rehabilitation bei der Diakonie RWL, Elke Grothe-Kühn. „In den Kliniken liegt das gesamte Thema Organspende in der Hand der Ärzte. Es wird Zeit, dass sich das ändert.“ Im Mittelpunkt der Tagung in Wuppertal am 19. August stand deshalb die Rolle der Seelsorger.

Der Essener Krankenhausseelsorger Hans-Jörg Stets ermutigte die Kollegen, sich bei diesem wichtigen Thema ins Gespräch zu bringen. „Viele Ärzte wünschen sich Unterstützung für die Gespräche mit den Angehörigen“, berichtet er. „Wir haben den Vorteil, dass wir unabhängig vom System Krankenhaus sind und nicht im Verdacht stehen, Angehörige zu einer Entscheidung zu drängen.“

Doch nicht nur vor, sondern auch nach einer Organentnahme brauchen Angehörige laut Stets Unterstützung. Es sei Aufgabe des Krankenhausseelsorgers, so der Theologe, Abschiedsrituale zu entwickeln. Gerade bei einem Hirntoten sei es schwierig, Angehörigen zu vermitteln, dass dieser Mensch tot ist. „Der Körper sieht noch ganz rosig aus und wirkt lebendig, nach der Entnahme der Organe aber ist der Anblick oft nur schwer zu ertragen.“ Die Diskussion um die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls trage außerdem dazu bei, Angehörige zu verunsichern.

Ein Herz ohne Lebensmut

Klinikseelsorger Hans-Jörg Stets Porträt

Klinikseelsorger Hans-Jörg Stets

Während Stets am Universitätsklinikum Essen auf eigene Initiative hin zu ethischen Fragen rund um die Organspende und für die Begleitung von Angehörigen, aber auch Organspendern gerufen wird, ist die Zusammenarbeit von Krankenhausseelsorge, Medizinern und Pflegepersonal am Klinikum Kassel seit 2007 durch einen „Qualitätszirkel Organspende“ geregelt. Die sieben evangelischen und katholischen Seelsorger der Klinik stehen in ständiger Rufbereitschaft, so dass sie sofort da sein können, wenn das Thema Organspende akut wird. „Dann ist ein Seelsorger mindestens drei Tage lang rund um die Uhr für die Angehörigen da“, erzählt Pfarrerin Ursula Josuttis.

Oft stünden die Menschen unter Schock, fühlten sich mit der Entscheidung überfordert und seien emotional enorm angespannt. „Manchmal hilft es da auch schon, wenn man ihnen klar macht, dass sie nicht einer Entnahme aller Organe zustimmen müssen“, sagt Josuttis und berichtet über die Angehörigen eines 37-jährigen Mannes, der nach einem Suizid hirntot war. „Die Schwestern waren gegen die Organspende mit dem Argument, ein Herz, das keinen Lebensmut mehr habe, werde nicht gebraucht.“

Gerade die Herzspende ist nach Erfahrung der Seelsorger und Mediziner mit vielen Emotionen und Mythen belegt. Allerdings nicht nur für die Angehörigen der Spender, sondern auch die Organempfänger. „Sie dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren“, fordert Stets. „Viele haben Probleme damit, dass das Organ eines Toten ihnen neues Leben geschenkt hat.“ Ärzte und Pfleger könnten das oft nicht nachvollziehen und seien erstaunt über die Traurigkeit und die Ängste der Patienten.

Organmangel führt zu ethischen Problemen

Juristin Ruth Rissing-van Saan

Juristin Ruth Rissing-van Saan

Schließlich ist eine Organtransplantation in Deutschland für die meisten Patienten wie ein Sechser im Lotto. Der massive Organmangel stellt auch die Mitglieder der europäischen Organisation Eurotransplant, die die Wartelisten führt, vor schwierige ethische Fragen, wie Professorin Ruth Rissing-van Saan auf der Tagung ausführte. Die ehemalige Richterin ist Leiterin der Vertrauensstelle „Transplantationsmedizin“ und der Bundesärztekammer und bekommt schwierige Fälle zur Klärung auf den Tisch.

„Die Dringlichkeit einer Organspende und die Organverträglichkeit sind wichtige Kriterien“, sagt sie. „Aber wie entscheiden wir, wenn beides bei einem älteren und einem jüngeren Menschen zutrifft? Ist das Leben einer Mutter von drei Kindern mehr wert als das eines Rentners?“ Knifflige Fragen, die sich bei mehr Organspenden nicht so häufig stellen würden.

Daher plädiert Mediziner Hilal Yahya für die Widerspruchslösung wie sie in anderen Ländern längst üblich ist. Wer einer Organspende nicht widersprochen hat, kommt automatisch als Spender in Frage. „Es wäre viel einfacher, wenn ich in meinen Gesprächen nicht mehr mit Angehörigen darüber diskutieren müsste, was für eine Organspende spricht, sondern was dagegen spricht“, sagt er. Klinikseelsorgerin Ursula Josuttis favorisiert eine andere Lösung. „Es würde schon helfen, wenn jeder Bürger sich erklären müsste“, sagt sie. „Dann stünden die Gespräche mit den Angehörigen auf einer anderen Basis.“

Unter dem Titel „Seelsorge im Kontext von Organspende und Organtransplantation“ wird in Kürze eine Handreichung der Diakonie RWL und der rheinischen Kirche erscheinen. 

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