4. September 2015

Sommergespräch mit Ioanna Zacharaki

Ein Urlaub für Flüchtlinge

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung, Spaß und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. In den vergangenen Wochen haben wir gute Beispiele diakonischer Hilfen vorgestellt. Im letzten Teil unserer Reihe erzählt Ioanna Zacharaki über ihre Reise auf die griechische Insel Lesvos. Dort hat die Referentin der Diakonie RWL, die selbst Griechin ist, Flüchtlingen geholfen. Und zwar mit Spendengeldern aus Deutschland.

Platz am Hafen mit einer Gruppe von Flüchtlingen

Sie machen jedes Jahr mit Ihrer Familie auf der Insel Lesvos Urlaub. Das Leid der Flüchtlinge bewegt uns alle. Sie sind jetzt zurückgekehrt. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt? 

Wir fliegen jedes Jahr nach Lesvos, um dort die Familie meines Mannes zu besuchen. Bereits im letzten Jahr waren wir besorgt, denn es kamen täglich 100 bis 400 Flüchtlinge. Jetzt kommen 2.000 bis 4.000 und mehr Flüchtlinge. Man kann die Situation schwer beschreiben, man muss sie erleben. Auf der Insel Lesvos leben 90.000 Einwohner. Die aktuelle Situation überfordert alle. Die Stadt ist überfüllt, überall schlafen Menschen. Der Bürgermeister der Hauptstadt Herr Spyros Galinos hat alle öffentlichen Plätze wie Parks und Parkplätze freigegeben. Dort leben die Flüchtlinge, die keinen Platz in den überfüllten Unterkünften bekommen haben, in einfachen Zelten. Man muss sich vorstellen, die Flüchtlinge kommen mit nassen Kleidern und einer Tüte, die haben nichts. Mittlerweile hat der Bürgermeister aufgrund der aktuellen Situation den Antrag an das zuständige Ministerium gestellt, den Ausnahmezustand der Insel zu erklären und ruft nach internationaler Hilfe.

Man hört immer wieder, dass es auf den griechischen Inseln bereits bei der Registrierung der Flüchtlinge Probleme gibt. Warum?

Die Busse reichen nicht aus, um die Flüchtlinge zu der einen Registrierstelle zu fahren. Die Menschen legen deshalb zu Fuß bis zu 65 Kilometer zurück bei 35 bis 40 Grad. Wir konnten den Polizeipräsidenten überzeugen, dass Flüchtlinge auch mit Tourismusbussen transportiert werden durften, denn das war eigentlich in Griechenland verboten. So konnten wir an einem Tag von Molyvos 500 Flüchtlinge transportieren. Aus meiner Sicht müsste es mindestens drei Registrierstellen für Flüchlinge geben. Aber Griechenland kann angesichts der Reformen im Land kein weiteres Personal einstellen. Man hat den Eindruck, die Flüchtlinge sind auf sich alleine gestellt. Es gibt auch keine internationale Hilfe. Es ist eine humanitäre Herausforderung, die die Insel alleine nicht bewältigen kann.

Sie haben in diesem Jahr schon vor Ihrem Urlaub Spenden gesammelt. Wie konnten Sie vor Ort helfen?

Ich war überwältigt von der Resonanz auf meinen Spendenaufruf hier in Deutschland. Kollegen bei der Diakonie RWL, aber auch Träger und viele Freunde und Bekannte haben in kürzester Zeit insgesamt 5.260 Euro gespendet. Das ist ein enormer Betrag, für den ich sehr dankbar bin. Viele haben mich in E-Mails ermutigt, vor Ort in Griechenland zu helfen. Wir haben in der Hauptstadt von Lesvos in Mytilini sowie in Kalloni und auf Molyvos mit lokalen Gruppen von Ehrenamtlichen zusammengearbeitet. „Syniparxi“, „to Chorio tou oloi mazi“, „Agkalia“, die Initiative „Help for refugees in Molyvo“ oder die Initiative „Journey back to Lesvos“ und viele andere, die wir nicht getroffen haben, leisten eine hervorragende Arbeit. Mit den Spendengeldern haben wir vor allem Lebensmittel gekauft: Wasser, Obst und Brot. Wasser wird besonders benötigt, denn die Flüchtlinge warten in den Schlangen vor der Registrierung in der prallen Sonne.

Die Keppler-Stiftung – eine Stiftung in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe – hat auch 100.000 Euro für Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. Wofür wurde das Geld eingesetzt?

Heike Müller von der Keppler-Stiftung war eine Woche mit uns auf Lesvos, es war uns wichtig, dass sie dabei ist und selber entscheidet, wofür das Geld verwendet wird. Für dieses Engagement danke ich ihr sehr. Ich war froh, dass wir insgesamt, neben den privaten Spenden und der Spende der Keppler-Stiftung auch 10.000 Euro von der UNO-Flüchtlingshilfe aus Bonn erhalten haben. Das Diakonische Werk des Kirchenkreises Solingen hat den Antrag gestellt und verwaltet alle Beträge. Allen Spendern und Unterstützern gebührt an dieser Stelle ein herzlicher Dank.

So hatten wir insgesamt 115.260 Euro an Geldern zur Verfügung. 20.000 Euro haben wir bereits ausgegeben. Mit den Initiativen stehen wir in Kontakt und werden regelmäßig für die anstehenden Bedarfe Kosten übernehmen. Mit den Geldern der Keppler-Stiftung konnten wir neben den Willkommenspaketen eine Unterkunft für Flüchtlinge, genannt PIKPA, die von Ehrenamtlichen betrieben wird, unterstützen. Hier sind Frauen, Familien und Kranke untergebracht. Wir haben Waschmaschinen, einen Herd, aber auch die Instandsetzung einer Überdachung finanziert. Hygiene ist natürlich unter solchen Bedingungen ein großes Problem. Deshalb werden auch für Sanitäranlagen und ein verbessertes Abwassersystem dieser Einrichtung Mittel ausgegeben. Die Reparaturen stehen jetzt an.

Kann man einen schönen Urlaub verbringen, wenn sich ein paar Kilometer weiter eine humanitäre Katastrophe abspielt? Wie gehen die Touristen mit der Situation um? 

Die Solidarität vor Ort ist groß. Es gibt eine Bereitschaft des Helfens. Viele Ehrenamtliche engagieren sich, aber auch sehr viele Touristen packen mit an und helfen mit, die Flüchtlinge zu versorgen. Lesvos braucht die Touristen. Viele Touristen stornieren ihren Urlaub angesichts der Situation. Lesvos aber lebt vom Tourismus. Viele Touristen machen Urlaub und nehmen sich gleichzeitig auch Zeit, den Flüchtlingen zu helfen oder zu spenden. Ich finde, man muss beide Seiten des Lebens auf Lesvos annehmen und ich glaube das geht. Es ist berührend, diese Seite der Mitmenschlichkeit zu sehen.

Ioanna Zacharaki und Heike Müller von der Keppler-Stiftung mit Ehrenamtlichen

Ioanna Zacharaki und Heike Müller von der Keppler-Stiftung mit Ehrenamtlichen

Griechenland steckt selbst in einer tiefen ökonomischen und sozialen Krise. Die Griechen erleben die bereits durchgesetzten Arbeitsmarkt- und Steuerreformen am eigenen Leibe. Was bedeutet die Flüchtlingskatastrophe für die Griechen und den griechischen Tourismus?

Alle helfen, obwohl sie selber in der Misere stecken und in Armut leben. Besonders die Situation von Alten und Kranken ist in Griechenland sehr problematisch, denn die Krankenversorgung fehlt. Die Griechen sind wirklich doppelt betroffen, sie sind selbst verarmt und müssen gleichzeitig den Flüchtlingen helfen, denn internationale Hilfe ist vor Ort nicht sichtbar. Die UNO koordiniert die Bedarfe. Zelte sollen bestellt werden, diese sind aber nicht da und Hygiene-Anlagen fehlen. Es ist unverständlich, dass bei jedem Erdbeben internationale Hilfsorganisationen mit Zelten und Notfallhilfe zur Stelle sind und hier nicht. Diese Hilfe wird auch auf Lesvos dringend gebraucht. Man darf die Griechen und die Peripherie Europas bei der Bewältigung der Flüchtlingshilfe nicht alleine lassen.

Kennengelernt haben wir auch eine Gruppe von ehemaligen Flüchtlingen von der Initiative „Journey back to Lesvos“, die 2008 auf Lesvos angekommen sind. Sie haben in anderen Ländern Europas Asyl beantragt und kommen jetzt nach Lesvos um zu helfen. Sie machen eine hervorragende Arbeit. Sie sprechen die Sprache der Flüchtlinge, sie informieren, geben Tipps und machen Mut. Sie verteilen Wasser und Decken für die Menschen, die auf die Registrierung warten und bieten auch ein Kulturprogramm an.

Planen Sie weitere Reisen und Projekte, um den Flüchtlingen zu helfen?

Im Oktober fahre ich wieder nach Lesvos. Die Arbeit der Ehrenamtlichen, die wir jetzt dort kennengelernt haben, geht weiter und wir sind bis Oktober mit ihnen in engem Kontakt. Flüchtlingshilfe ist jetzt überall angesagt, hier vor Ort, wie auch auf Lesvos. Wir müssen konkret helfen wo wir können, aber auch die eigene Haltung verändern und teilen. Man kann eben auch mit weniger leben. Wir brauchen eine Willkommenskultur hier bei uns genauso wie in Griechenland.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Spendenkonten:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen 
Stichwort. „Lesvos“ 
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Stichwort „Lesvos“
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank 
IBAN DE 31 3506 0190 1014 1550 11

Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Soziale Hilfen
Bewerten Sie diesen Artikel
Bewerten Sie diesen Artikel als Erster