23. Juli 2015

Sommergespräch mit Renate Weißenseel

Zeit für Trauer im Urlaub - Eine Reise ins Leben

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung, Spaß und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. Jede Woche stellen wir nun im Gespräch ein gutes Beispiel diakonischer Hilfen vor. Pfarrerin Renate Weißenseel hat in diesem Jahr zum ersten Mal gemeinsam mit ihrer Kollegin Helga Henz-Gieselmann eine Trauerreise auf Spiekeroog angeboten. Für Trauer gebe es im Alltag oft keinen Ort, so Renate Weißenseel.

Versammelte Gruppe der Trauerreise auf Spiekeroog

Versammelte Gruppe der Trauerreise auf Spiekeroog

 Wie entstand die Idee, Trauerreisen anzubieten?

Die Idee für eine Trauerreise hatten Teilnehmer eines Trauerseminars, das wir hier vor Ort angeboten haben. Solche Trauerreisen gibt es auch von großen kommerziellen Anbietern. Die Teilnehmer wünschten sich ein auf sie zugeschnittenes christliches Angebot für Trauernde. Elf Frauen haben an dieser ersten Trauerreise nach Spiekeroog teilgenommen. Das hat sich als eine gute Zahl herausgestellt, besonders bei den Gesprächsrunden, die wir angeboten haben.

Wie bereitet man eine solche Reise vor?

Die Sprache von Trauernden ist eine andere. Es hilft ihnen sehr, mit Menschen zu sprechen, die in der gleichen Situation sind. Sie können Leid und Verlust zur Sprache bringen. Themen, für die es im Alltag oft keinen Ort gibt. Wir versuchen den Trauernden zu vermitteln, achtsam in die Vergangenheit zu blicken, ziehen zu lassen, was man nicht festhalten kann und den Blick nach vorn zu richten – was birgt das Leben, das noch vor uns liegt. Trauernde machen verschiedene Phasen durch. Schock, Lähmung, aber auch Akzeptanz und Neuanfang gehören dazu. Hier schauen wir als Seelsorgerinnen, wo steht jede einzelne Teilnehmerin.

Wie verbringt man einen schönen Urlaub, wenn man um einen geliebten Menschen trauert?

Trauer hat ja etwas damit zu tun, den Tod zu realisieren und anzunehmen. Aber in einem Trauerprozess kann man irgendwann auch Neues entdecken. Wir haben viele Spaziergänge gemacht, Meditationen, Gesprächsrunden, aber auch ein Stärkungsmahl in der Inselkirche auf Spiekeroog gefeiert. Die Trauernden haben einen Brief an den Verstorbenen geschrieben, und da kommt dann neben allem gemeinsam Geteilten eben auch zur Sprache, was nicht ins Leben kam. Eine Insel ist für eine Trauerreise ein guter Ort. Man kann sich im Sand verorten und lernen, hier ist meine Realität. Und den weiten Horizont ins Visier nehmen. Sich mit der Trauer auseinanderzusetzen gelingt im Urlaub und in Gemeinschaft leichter als im Alltag, so unsere Erfahrung. Die Trauer hatte im Urlaub – an dem überwiegend Witwen teilgenommen haben – ihren Platz und durfte sein. Alle haben das verstanden. Kinder haben es eben oft nicht so gerne, wenn Mama weint.

Pfarrerin Renate Weißenseel Porträt

Pfarrerin Renate Weißenseel

Welche Situationen sind für Sie als Organisatoren eine besondere Herausforderung?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Trauernde nicht weinen können. Das ist schwieriger, als wenn jemand viel weint und die Gefühle einen Ausdruck finden. Jeder ist da anders gestrickt. Aber es wird eben auch respektiert, wie jede für sich der Trauer Ausdruck verleiht. Wir können aber auch darin bestärken, dass die Zeit kommen wird, dass die Trauer Tränen findet.  

Was ist das Besondere an ihren Reisen?

Die Teilnehmerinnen sind eine Leidensgemeinschaft, in der sie sich zuhören und sich gegenseitig respektieren. Das hat eine besondere Qualität. Der achtsame Umgang und das sich gegenseitig stärken können, hilft die Trauer zu bewältigen.

Was nehmen die Trauernden nach dem Urlaub mit in den Alltag?

Die Seele wird gestärkt und der Kontakt zwischen den Frauen ist geblieben. Einige treffen sich nach dem Urlaub und tauschen sich weiter aus. Manche kommen zu mir in den Gottesdienst. So sind neue Kontakte entstanden, die im Alltag weiterhelfen. Und die Frauen möchten gerne im nächsten Jahr wieder mit uns nach Spiekeroog fahren und sich dort wiedertreffen.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

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