9. September 2015

US-Diakonikerin besucht Diakonie RWL

Überrascht über die Vielfalt sozialer Arbeit

Ob Pferdestall, Restaurantküche oder Kleiderkammer: Die Amerikanerin Danielle Bartz schaut auf ihrer Deutschlandreise hinter die Kulissen sozialer Arbeit - und das in nur fünf Tagen. Die Referentin des Council for Health and Human Services Ministries (CHHSM) der United Church of Christ (UCC) ist zu Gast bei der Diakonie RWL und ihren Mitgliedseinrichtungen. Seit 2009 tauschen sich die Verbände im Rahmen einer Partnerschaft über die diakonische Arbeit diesseits und jenseits des Atlantiks aus. Dabei können sie viel voneinander lernen.

Danielle Bartz (Mitte) mit Mitarbeiterin Reinhild Biada und Hans-Wilhelm Fricke-Hein

Danielle Bartz (Mitte) mit Mitarbeiterin Reinhild Biada und Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Vorstand des Neukirchener Erziehungsvereins

Hoch zu Ross sitzen ist nicht ihre Sache. Auch wenn Danielle Bartz aus dem Land kommt, in dem Pferde gleichgesetzt werden mit Freiheit und Selbstbestimmung. Der US-Amerikanerin reicht es, die Pferde im Stall des Neukirchener Erziehungsvereins zu streicheln. Dass sie bestens geeignet sind, um Kindern mit Behinderungen Freude und Selbstvertrauen zu geben, war Danielle Bartz sofort klar. Dass das heilpädagogische Voltigieren und Reiten fester Bestandteil der sozialen Arbeit für Kinder und Jugendliche im Neukirchener Erziehungsverein ist, hat die Amerikanerin aber erstaunt. „Solche Angebote gibt es im Bereich der Heimerziehung bei uns nicht“, berichtet sie.

Wenig staatliche Fürsorge, viele Spenden

Für fünf Tage ist die Referentin des Council for Health and Human Services Ministries (CHHSM) der United Church of Christ (UCC) in Deutschland unterwegs, um die diakonische Arbeit ihres Partnerverbands, der Diakonie RWL, kennenzulernen. Im CHHSM ist die diakonische Arbeit der protestantischen UCC-Kirche zusammengefasst. Der Verband hat 75 Mitglieder mit rund 360 Einrichtungen, die mehreren Millionen Menschen in den USA soziale Hilfen anbieten. Diese Angebote reichen von Gesundheitsvorsorge, Kinder- und Jugendhilfe, Altenhilfe bis hin zu Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

Erste Station der kurzen Informationsreise von Danielle Bartz war der Neukirchener Erziehungsverein, der bereits seit 170 Jahren vernachlässigte und missbrauchte Kinder sowie Familien mit Erziehungsschwierigkeiten unterstützt. Er betreut in zehn deutschen Bundesländern rund 3.000 junge Menschen, viele davon in stationären Einrichtungen und Wohngruppen. „Diese Vielfalt der Betreuung kennen wir nicht“, erzählt die Referentin. „Bei uns wachsen diese Kinder und Jugendliche größtenteils in Pflegefamilien auf. In Heimen bleiben sie in der Regel nicht länger als zwei Monate.“

Danielle Bartz, Helga Siemens-Weibring, Bernd Schölermann

Danielle Bartz (Mitte) mit Helga Siemens-Weibring und Sozialarbeiter Bernd Schölermann in der Kleiderkammer

Zentrale Rolle spielt das Fundraising

Zwar ist es für die Referentin bereits die zweite Informationsreise, die sie im Rahmen der seit 2009 bestehenden Partnerschaft zwischen CHHSM und der Diakonie RWL unternommen hat. Doch Grund zum Staunen über die Vielfalt sozialer Arbeit in Deutschland gibt es genug. „Ich bin immer wieder überrascht, wie stark der Staat Ihr Engagement für sozial benachteiligte Familien und Kinder, für Obdachlose und Arme unterstützt“, sagt Danielle Bartz. „Unsere Arbeit basiert größtenteils auf Spenden, denn die Regierung gibt uns nur sehr wenig Fördermittel.“ Der Grund: Die Neutralität des US-Staates verbietet es, religiösen Organisationen Gelder für karitative Aufgaben zu geben. Außerdem gibt es in den USA kein vergleichbares System von Sozialversicherungen.

Insgesamt haben die CHHSM-Einrichtungen ein Budget von rund 3,9 Millionen US-Dollar. Im Spitzenverband selbst sind neben Danielle Bartz nur noch drei weitere Referenten angestellt. Ihre Aufgabe sei es vor allem, die Leiter der Mitgliedseinrichtungen für ihre Führungsaufgabe zu schulen und Beratungen oder Fortbildungen zu organisieren. „Ein zentrales Thema ist bei uns das Fundraising.“

Gruppenfoto

Danielle Bartz in der Diakonie RWL mit Falk Schöller, Vorstand der Graf-Recke-Stiftung, Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Vorstand des Neukirchener Erziehungsvereins sowie den Referentinnen Katja Külper-Sörries und Barbara Montag (v. l.)

Soziale Arbeit größtenteils ehrenamtlich

Ohne die vielen Ehrenamtlichen aber wäre die soziale Arbeit von CHHSM nicht möglich, räumt Danielle Bartz im Gespräch mit Vertretern der Diakonie RWL und Leitern diakonischer Werke und Einrichtungen ein. Erstaunt war sie daher auch bei einem Besuch im Restaurant „Church“ des Diakoniewerkes Essen. Dort werden sozial benachteiligte Jugendliche und langzeitarbeitslose Menschen mit staatlichen Fördermitteln für Integrationsbetriebe zu Restaurantfachkräften ausgebildet. Auch in der Kleiderkammer des Sozialzentrums der Essener Diakonie für wohnungslose Frauen und Männer werden die Helfer zum Teil im Rahmen von Arbeitsfördermaßnahmen entlohnt.

Die Verknüpfung von sozialer Arbeit mit Arbeitsverhältnissen, die soziale benachteiligte und behinderte Menschen für den Arbeitsmarkt qualifizieren, sei in den USA kaum bekannt, so Bartz. In dieser Hinsicht könnten die Amerikaner viel von den Deutschen lernen, meint die Referentin. Fremd war ihr allerdings der besondere Umgang mit behinderten Menschen in Deutschland. Förderschulen und Werkstätten gebe es so gut wie gar nicht, erzählt Bartz. „Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ist selbstverständlich.“ Sie selbst habe gehörlose Klassenkameraden oder Mitschüler im Rollstuhl gehabt. Das große Thema Inklusion spielt laut Bartz für die Amerikaner keine besondere Rolle. Ebenso erstaunt verfolgten sie derzeit die Debatten über die Flüchtlingskrise und die Einwanderungsgesetze in Deutschland und Europa.

In konkreten Projekten von einander lernen

„Der Besuch von Danielle Bartz hat uns nochmals vor Augen geführt, wie gut unser Sozialstaat im Großen und Ganzen funktioniert“, räumt Helga Siemens-Weibring, Geschäftsbereichsleiterin für Familie, Bildung und Erziehung bei der Diakonie RWL, ein. „Bei aller Kritik, die wir natürlich auch haben.“ Viel lernen könne die Diakonie hingegen vom Fundraising und der guten Netzwerkarbeit der CHHSM, meint der Vorstand des Neukirchener Erziehungsvereins, Hans-Wilhelm Fricke-Hein. Er wünscht sich nicht nur zwischen den Mitarbeitern der Spitzenverbände, sondern auch den Mitarbeitern der sozialen Einrichtungen mehr Austausch. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht: Eine Erzieherin des Neukirchener Erziehungsvereins arbeitet derzeit in den USA.

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