23. August 2016

Familiengerechter Strafvollzug

Mit Papa im Gefängnis spielen

Wenn Vater oder Mutter im Gefängnis sitzen, werden die Kinder mitbestraft. Sie erleben nicht nur Vorurteile und Ausgrenzung, sondern auch ein Strafvollzugssystem, das ihnen Angst macht und den Eltern entfremdet. Seit 2015 soll der Strafvollzug in NRW "familiengerecht" gestaltet werden. Was hat sich seitdem verändert? Melanie Mohme von der Diakonie für Bielefeld zieht im Gespräch Bilanz. Sie gestaltet das Angebot "Freiräume" für Familien von Inhaftierten in der JVA Bielefeld.

Portrait

Melanie Mohme mit dem Maskottchen der Kinder, dem Raben Rudi

Familienfreundlichkeit im Knast – das klingt zunächst widersprüchlich. Was gehört für Sie dazu?

Es geht darum, das Gefängnis zu einem Ort zu machen, an dem sich Kinder nicht fürchten müssen, sondern relativ unbeschwert mit ihrem Vater oder ihrer Mutter zusammen sein können. Dafür sollte es Räume geben, die kindgerecht mit bunten Bildern und Pflanzen gestaltet sind und in denen sie sich beschäftigen können. Malsachen und Spiele sollten vorhanden sein.

Wichtig ist auch der Körperkontakt zum inhaftierten Elternteil. In einem Besuchsraum mit vielen anderen fremden Menschen hinter einer Trennscheibe zu sitzen, schüchtert Kinder ein. Die Besuchszeiten von rund einer Stunde pro Woche sind zu wenig, zumal viele Familien nicht im Umfeld der JVA leben, sondern 50 bis 100 Kilometer entfernt. Für mich gehört auch eine pädagogische und therapeutische Begleitung der Familien dazu, wie wir sie anbieten mit Einzelberatung und verschiedenen Gruppenangeboten für die Inhaftierten und ihre Familien.

"Freiräume" ist 2007 als Leuchtturmprojekt gestartet. Mittlerweile haben Sie über 300 inhaftierte Mütter und Väter sowie 270 Kinder begleitet und viel über Ihre Arbeit in Politik und Medien berichtet. Hat sich das auf den Strafvollzug in NRW ausgewirkt?

Das neue Landesstrafvollzugsgesetz schreibt ja seit einem Jahr vor, dass in den 36 Landesvollzugsanstalten ein "familiengerechter Umgang zum Wohl minderjähriger Kinder" gestaltet werden soll. Das ist sicherlich auf unser Engagement mit den "Freiräume"-Angeboten zurückzuführen. Im neuen Gesetz sind jetzt zwei weitere Besuchsstunden für minderjährige Kinder von Inhaftierten monatlich vorgeschrieben. Es gibt auch einen Handlungsleitfaden, der kinderfreundliche Besuchszeiten, die Schaffung einer kinderfreundlichen Atmosphäre im Besucherbereich sowie eine kindgerechte Einlasskontrolle empfiehlt. Immer mehr Anstalten bemühen sich auch darum, dies umzusetzen. So gehen viele Beamte bei den Einlasskontrollen besser auf die Kinder ein und erklären ihnen den Sicherheitscheck. Insgesamt sind wir aber von einem "familiengerechten Umgang" in den Gefängnissen noch ziemlich weit entfernt.

Kinderposter

"Freiräume"-Kinderposter

Was muss sich ändern?

Es fehlen einfachste Dinge wie Malsachen und Bücher im Warte- und Besucherbereich. Die Besuchszeiten gelten meistens am Nachmittag unter der Woche, aber nicht am Wochenende. Das passt nicht zur Lebenswelt der Kinder, die meistens ganztags in Kita oder Schule gehen und außerdem eine lange Anfahrt zur JVA haben. Ich finde es auch ungünstig, monatlich zwei Stunden Besuchszeit am Stück anzubieten, die nicht vorbereitet und gestaltet werden mit Sport oder Spielen. Das kann für die Kinder, aber auch für die inhaftierten Eltern eine Überforderung sein.

Aus unseren Vater-Kind- sowie Mutter-Kind-Gruppen wissen wir, wie sinnvoll eine pädagogische Begleitung ist. Die Beziehung zwischen den inhaftierten Eltern und ihren Kindern ist ja häufig massiv belastet. Vertrauen und Nähe muss erst wieder aufgebaut werden. Doch dafür braucht man geschultes Personal und das kostet natürlich.

Trotz Ihres jahrelangen Engagements gibt es in der Bevölkerung, aber auch in den Justizvollzugsanstalten immer noch Vorbehalte gegen den familiengerechten Strafvollzug. Warum lohnt er sich Ihrer Ansicht nach?

Kinder sind eine große Motivation für Strafgefangene, sich auf Veränderungsprozesse einzulassen. Wenn sie diese regelmäßig sehen, setzen sie sich meistens intensiver mit ihrer Straftat und deren Folgen für die Familie auseinander. Die Kinder stellen Fragen und erzählen natürlich auch, wie sehr sie ihre Eltern bei Geburtstagsfeiern oder Schulfesten vermissen. Sie berichten, wie sie gehänselt werden oder Nachbarn nicht mehr erlauben, dass sie mit deren Kindern spielen. Das motiviert viele Inhaftierte, sich zu ändern und neue Perspektiven für ein straffreies Leben zu entwickeln. Immerhin sind zwei Drittel der über 15.000 Inhaftierten Eltern, darunter 960 Frauen. Schätzungen zufolge haben sie rund 80.000 minderjährige Kinder, deren Lebenssituation sich durch einen familiengerechten Strafvollzug ebenfalls deutlich verbessert.

Inwiefern?

Es gibt Studien, die sagen, dass jedes vierte Kind inhaftierter Eltern psychisch auffällig belastet ist. Viele erleben soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung, häufig auch Scheidung in Folge der Straftat. Die Identifikation mit dem inhaftierten Elternteil ist in der Pubertät ein großes Problem. Außerdem müssen die Kinder oft auch traumatische Erlebnisse verarbeiten wie die Verhaftung der Eltern. So habe ich in meiner Beratung mit Kindern zu tun, die sich unter dem Tisch verkriechen, wenn es an der Haustür klingelt. Wenn wir den Eltern bei einer verlässlichen und stabilen Beziehungs- und Erziehungsgestaltung helfen, dann helfen wir den Kindern. Sie sind das höchste Gut, das wir in unserer Gesellschaft haben. Ihnen eine Zukunft zu geben, ist meine größte Motivation für diese Arbeit.

Fotos: Diakonie für Bielefeld

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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