2. Juni 2016

Kinderarmut

Prävention darf kein Sparmodell sein

Nordrhein-Westfalen ist besonders von Kinderarmut betroffen. Das Modellprojekt der Landesregierung "Kein Kind zurücklassen" (Kekiz) setzt deshalb auf Prävention. Eine aktuelle Studie bescheinigt jetzt erste Erfolge, kritisiert aber, dass sich die vorbeugende Politik bislang kaum rechnet. Diakonie RWL-Experte Remi Stork nimmt dazu Stellung.

Portrait

Remi Stork

Herr Stork, die Bertelsmann-Stiftung stellt dem NRW-Modellprojekt "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ im Hinblick auf Nachhaltigkeit und ökonomische Effekte ein schlechtes Zeugnis aus. Haben Sie damit gerechnet?

Das Projekt läuft erst seit vier Jahren und ist finanziell auch schlecht ausgestattet. Insofern wundert mich dieses Ergebnis nicht. Vor sieben Jahren hatte die Landesregierung ein Prognos-Gutachten in Auftrag gegeben, um zu wissen, wie viel Geld sie in die Hand nehmen müsste, um Armut effektiv zu bekämpfen. Immerhin beliefen sich die Folgekosten für die Gesellschaft, zu denen entgangene Steuern aufgrund von Arbeitslosigkeit und die Unterstützung durch soziale Hilfen gehören, in NRW damals schon auf 23,6 Milliarden Euro. Es hätten Milliardensummen investiert werden müssen. Daraufhin entstand die Idee, gemeinsam mit 18 Kommunen das Kekiz-Modellprojekt zu starten – und es mit deutlich geringeren Mitteln, nämlich rund acht Millionen Euro, zu fördern. Von Anfang an wurde darum gestritten, ob man dieses Projekt als ambitioniert bezeichnen kann oder es nur eine Scheinlösung ist.

Und was ist es Ihrer Ansicht nach?

Der Ansatz des Projektes, in den Kommunen sogenannte Präventionsketten aufzubauen und Kitas, Schulen, Sportvereine, Jugendämter, Ärzte, Polizei sowie Kinder-, Jugend- und Familienhilfen besser zu vernetzen, ist sicherlich sinnvoll. Deshalb haben wir uns als Diakonie dort auch engagiert. In manchen Kommunen ist es durchaus gelungen, sozial benachteiligte Familien von der Geburt ihrer Kinder bis zu deren Eintritt ins Berufsleben besser zu unterstützen. In Moers oder Gelsenkirchen etwa konnte schon in den Geburtskliniken ein guter Kontakt zu betroffenen Familien hergestellt werden. Doch damit sie aus einer verfestigten Armut herausfinden, muss sehr viel mehr geschehen, gerade in den Brennpunktvierteln der Städte. Und genau da hakt es.

Was müsste denn passieren, damit Kinder aus der Armutsfalle herausfinden?

In Deutschland haben wir die paradoxe Situation, dass zwar relativ viel Geld in die Unterstützung der Familien fließt, aber dies überwiegend über unser Steuersystem passiert. Die familienpolitischen Leistungen sind an die Ehe geknüpft, zum Beispiel beim Ehegattensplitting. Davon profitieren mittlere und höhere Einkommen, selbst wenn keine Kinder mehr im Haushalt leben, aber keine Alleinerziehenden. Kindergeld wird an alle Familien ausgezahlt, doch bei denjenigen, die Hartz IV beziehen, mit den staatlichen Unterstützungsleistungen verrechnet. Was wir aber brauchen, wenn wir Familien aus der Armut holen wollen, sind deutlich höhere Investitionen in unser Bildungssystem.

Und wie können die aussehen?

Nehmen wir nur die Offene Ganztagsgrundschule. Sie war eigentlich dazu gedacht, gerade benachteiligten Kindern bessere Bildungschancen zu bieten, indem sie nachmittags gezielt gefördert werden. Dazu aber wären deutlich mehr Lehrer und Sozialarbeiter nötig. So hat sich dieses ambitionierte Vorhaben zu einem Kinderbetreuungs- statt Bildungsmodell entwickelt. Gerade Kitas und Schulen in sozialen Brennpunktvierteln müssten personell viel besser ausgestattet sein, doch das sind sie in der Regel nicht. Für die Unterstützung ihrer Kinder, etwa um Schulausflüge oder Materialen bezahlen zu können, benötigen Eltern aus Hartz-IV-Haushalten oder sogenannten "Aufstocker"-Haushalten Geld, das sie nicht haben.

Die Diakonie unterstützt gemeinsam mit anderen Sozialverbänden eine Grundsicherung für jedes Kind aus einer Hartz IV-Familie in Höhe von 250 bis 300 Euro im Monat. Ist das eine Lösung im Kampf gegen Kinderarmut?

Es ist ein wichtiger Aspekt, denn wenn wir die Chancen dieser Kinder verbessern wollen, müssen wir an allen Stellschrauben drehen. Und dazu gehört es auch, armen Familien Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe zu geben. Aber die Politik muss vor allem mehr Geld für die bessere Ausstattung von Kitas und Schulen in die Hand nehmen. Denn Studien zeigen schon lange, dass arme Kinder in allen schulrelevanten Entwicklungsmerkmalen auffälliger sind. Viele können sich schlechter konzentrieren, sprechen und zählen schlechter und brauchen daher mehr individuelle Förderung in unseren Bildungssystemen. Aber das ist eben nicht mit einer kleinen Investition von acht Millionen Euro zu haben.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Remi Stork
Grundsatzfragen Jugendhilfe, Familienpolitik
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