22. Februar 2017

Psychosoziale Prozessbegleitung

Erste Begleiter der Diakonie starten in NRW

Die Prüfung ist bestanden, jetzt kann es richtig losgehen. Nach einem Jahr Studium starten die ersten Sozialpädagogen der Diakonie mit der Psychosozialen Prozessbegleitung. Sie bieten Opfern schwerer Gewalttaten nun soziale Unterstützung in Gerichtsverfahren an. Katrin Hotze vom Diakoniewerk Essen hat schon ihre erste Klientin betreut.

Portrait

Freut sich auf die neue Aufgabe und ein neues Büro: Katrin Hotze (Foto: Julia Fiedler/Diakoniewerk Essen)

Das Zertifikat als Psychosoziale Prozessbegleiterin hat Katrin Hotze schon in der Tasche. Doch auf ihr neues Büro wartet die Mitarbeiterin des Diakoniewerks Essen noch. "Ich bin startklar", sagt sie, „und freue mich auf diese neue, spannende Arbeit."

Katrin Hotze  gehört zu den ersten 30 Prozessbegleitern, die das einjährige Studium an der Universität Düsseldorf beendet haben und nun in Nordrhein-Westfalen Menschen vor Gericht begleiten, die Opfer schwerer Gewalttagen geworden sind. In diesem Jahr wollen 14 diakonische Träger mit dem neuen Angebot starten. 

Was auf Katrin Hotze als Prozessbegleiterin zukommen wird, hat sie nicht nur im Studium anhand zahlreicher Fallbeispiele gelernt. Sie konnte bereits ihre erste Klientin in einem Strafprozess betreuen. "Die Frau hat schlimme Gewalterfahrungen gemacht und war sehr ängstlich und verunsichert, weil sie vor Gericht gegen den Täter aussagen musste", erzählt die 37-jährige Pädagogin, die seit 2001 beim Diakoniewerk Essen beschäftigt ist. "Ich habe ihr genau erklärt, was sie im Prozess erwartet, sie zu den Terminen von zuhause abgeholt und neben ihr im Gericht gesessen", berichtet sie. "Bei ihrer Zeugenaussage konnte meine Klientin dem Täter zum Schluss sogar selbstbewusst in die Augen schauen. Das hat sie stolz gemacht."

Portrait

Diakonie RWL-Referentin Sabine Bruns

Opfer stabilisieren, Retraumatisierung verhindern

Seit Januar 2017 können minderjährige Opfer schwerer Sexual- und Gewaltstraftaten sowie besonders schutzbedürftige Erwachsene bei den Gerichten einen Antrag auf kostenlose Prozessbegleitung stellen. Laut der aktuellen Kriminalstatistik waren 2015 in NRW allein 2617 Kinder und 1366 Jugendliche Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Die psychosoziale Unterstützung während des Verfahrens soll dazu beitragen, sie zu stabilisieren und eine Retraumatisierung durch die juristische Befragung und Konfrontation mit dem Täter zu verhindern.

"Das ist ein Meilenstein im Opferschutz", betont Sabine Bruns, Referentin für Straffälligenhilfe bei der Diakonie RWL. Auch sie gehört zu den ersten Absolventen des neuen Studiums zum Psychosozialen Prozessbegleiter an der Universität Düsseldorf. In NRW wollen die 19 Landgerichtsbezirke mit mindestens jeweils zwei Psychosozialen Prozessbegleitern starten. Nach Einschätzung des Justizministeriums soll langfristig für NRW ein Pool mit insgesamt 300 Begleitern aufgebaut werden. 

Gesetzbuch mit Justitiafigur

Gleichzeitig für Opfer und Täter  da sein - das geht nicht, meint Sabine Bruns (Foto: Martin Moritz/pixelio.de)

Unabhängigkeit der Beratung gefährdet

Alle sollen eigentlich Mitarbeitende eines Wohlfahrtsverbandes sein. Ein Blick auf die Liste der ersten Prozessbegleiter zeigt allerdings ein anderes Bild. "Die Oberlandesgerichte haben bereits 90 Prozessbegleiter anerkannt, obwohl noch nicht alle mit der Ausbildung fertig waren", erklärt Sabine Bruns. "25 von ihnen sind Beamte aus dem ambulanten sozialen Dienst der Justiz, 14 sind Freiberufler."

Eine Auswahl, die der Expertin für Straffälligenhilfe Sorge bereitet. "Wenn Justizbeamte, die sonst Straftäter begleiten, nun auch für die Opfer zuständig sind, kommt es schnell zu einem Interessenskonflikt", so Bruns. "Die Unabhängigkeit der Beratung ist nicht gewährleistet und das finde ich problematisch."

Allerdings wird es für die Gerichte günstiger, die eigenen Justizbeamten als Prozessbegleiter beizuordnen, so die Vermutung der Diakonie RWL-Referentin. Schließlich müssen sie die Prozessbegleiter der Wohlfahrtsverbände extra bezahlen. 

Gruppenbild

Erleichterung und Freude: die ersten 30 Prozessbegleiter in NRW mit ihrem Abschlusszeugnis (Foto: Universität Düsseldorf)

Soziale Vernetzung besonders wichtig

Bruns befürchtet nun eine ungute Konkurrenzsituation zu Lasten der Sozialverbände. "Dabei sind ihre Prozessbegleiter für das neue Tätigkeitsfeld besonders geeignet, weil sie in ein breites Netz an Hilfen für Gewaltopfer eingebunden sind."

Bei Katrin Hotze etwa war es die Frauenberatungsstelle, die ihr den ersten Fall vermittelte. Die Begleitung vor Gericht bezeichnet sie als kleinsten Teil ihrer Arbeit. Sie musste für ihre Klientin, die kaum Deutsch sprechen konnte, einen Dolmetscher engagieren, klären, wie sie zum Gericht kommt und dabei die Betreuung ihrer kleinen Kinder im Blick haben. "Die Frau lebt sozial sehr isoliert, ist traumatisiert und braucht Unterstützung, um ihren Alltag bewältigen zu können", betont sie. Auch dabei hat Karin Hotze geholfen – und zudem eine Therapie angeregt.

Insgesamt zieht sie eine positive Bilanz ihrer ersten Prozessbegleitung. "Richter und Anwälte waren froh, dass ich die Zeugin im Verfahren betreuen konnte", sagt sie. "Alle haben am Ende betont, wie hilfreich der neue bundesweite Rechtsanspruch auf eine soziale Unterstützung vor Gericht ist."

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Bruns
Straffälligenhilfe
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Bewerten Sie diesen Artikel als Erster