21. August 2015

Sommergespräch mit Petra Köpping

Urlaub wegen Schulden gestrichen

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung, Spaß und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. Denn nicht jeder kann sich einen Urlaub leisten. Manche versuchen es trotzdem und machen dafür Schulden. Andere sind so überschuldet, dass an einen Urlaub gar nicht zu denken ist. Ihnen versuchen die Schuldnerberatungsstellen zu helfen. Referentin Petra Köpping erzählt, wie das konkret aussieht.

Portrait

Petra Köpping

Die Urlaubsreise hat für die meisten Menschen in Deutschland einen ganz hohen Stellenwert. Aber wer sich keine Reise leisten kann, verzichtet nur ungern darauf. Gibt es viele Leute, die für den Urlaub Schulden machen?

Laut einer Statistik der Bundesbank wurden im August 2014 rund sechs Milliarden Euro an neuen kurzfristigen Krediten für Anschaffungen wie Reisen, Autos oder Dienstleistungen abgeschlossen. Die Konsumkredite sind in Deutschland also auf einem hohen Niveau. Doch das ist in unserer Gesellschaft auch so gewollt. Wir müssen aber klar unterscheiden zwischen „verschuldet sein“, was ja für ganz viele Bürger zutrifft, und „überschuldet sein“. Wer überschuldet ist und keine Kredite mehr zurückzahlen kann, leistet sich auch keinen Urlaub. Das ist oft das erste, was Menschen sagen, wenn sie in die Beratung kommen: „Wir haben schon seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht.“

Wer überschuldet ist, dem wird leicht nachgesagt, dass er nicht haushalten kann und zu konsumorientiert ist. Stimmt das?

Dieses Vorurteil ist weit verbreitet, aber es stimmt so nicht. Der Großteil der Menschen, die in die Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie kommen, haben Risiken und Brüche in ihrem Leben erlebt, die sie in die Überschuldung getrieben haben. Dazu gehören vor allem Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, Krankheit oder Sucht. In den letzten zehn Jahren stellen wir fest, dass zunehmend Menschen aus der Mittelschicht in den Beratungsstellen auftauchen, die sich nach dem Verlust des Arbeitsplatzes und einer Scheidung überschulden oder auch durch den gescheiterten Versuch, sich selbstständig zu machen.

Wann kommen die Menschen in die Schuldner- und Insolvenzberatung? Erst, wenn der Strom abgestellt wird oder schon früher?

Manche kommen tatsächlich erst, wenn sie in einer dunklen und kalten Wohnung sitzen. Andere werden vom Jobcenter geschickt, weil der Berater hofft, dass sie eher eine neue Stelle finden, wenn sie ihre Überschuldung in den Griff bekommen. Übrigens haben wir auch zunehmend ältere Menschen in der Beratung, die uns sagen, dass sie schuldenfrei sterben möchten und sich sehr dafür schämen, dass sie mit ihrer kleinen Rente nicht haushalten können.

Wer hat denn Anspruch auf eine Beratung?

Seit einer Gesetzesänderung von 2011 können eigentlich nur noch diejenigen eine Beratung in Anspruch nehmen, die arbeitslos gemeldet sind, Hartz IV oder eine aufstockende Sozialhilfe beziehen oder bei denen eine besondere Hilfebedürftigkeit nach dem Sozialgesetzbuch XII festgestellt wurde, etwa im Fall einer psychischen Erkrankung. All diejenigen, die Arbeit haben, aber so wenig verdienen, dass sie immer mehr Schulden anhäufen, gehören nicht dazu. Dabei nimmt die Zahl der prekär Beschäftigten, die von ihrem Lohn kaum leben können, rasant zu. Insgesamt leben derzeit rund acht Millionen Menschen in Deutschland von einem Niedriglohn.

Auf der bundesweiten Aktionswoche der Schuldnerberatung im Juni haben die beteiligten Wohlfahrtsverbände, darunter auch die Diakonie, gefordert, Schuldnerberatung für alle Bürgerinnen und Bürger zu öffnen.

Wir setzen uns dafür ein, dass ein bundesweiter Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung eingeführt wird. Derzeit ist es ja so, dass die Insolvenzberatung vom Land und die Schuldnerberatung von den Kommunen gezahlt wird. Der Anteil der Kommunen gilt, verstärkt durch ein BSG - Urteil aus dem Jahr 2010 für Erwerbstätige, als eine freiwillige Leistung. In der Folge haben gerade überschuldete Städte, die sich in der Haushaltssicherung befinden, die Finanzierung der Beratungsstellen massiv heruntergefahren. Das ist fatal, denn zum Stichtag 1. Oktober 2014 konnten 6,7 Millionen Menschen in Deutschland ihre Schulden nicht mehr begleichen. Unsere 80 Schuldnerberatungsstellen in NRW und im Südrhein haben im vergangenen Jahr ca. 53.000 Menschen beraten. Vor 9 Jahren waren es noch ca. 49.000 Menschen, obwohl die Anzahl der Fachkräfte in den Beratungsstellen wegen der fehlenden Finanzierung nicht nennenswert ausgeweitet werden konnte.

Wie helfen Sie überschuldeten Menschen?

Oft geht es erstmal darum, Druck aus dem Kessel zu nehmen, den Menschen wieder eine Perspektive aufzuzeigen. Es wird zunächst geschaut, wo es noch Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung gibt. Gerade ältere Menschen haben oft aus Scham keine Anträge auf Wohngeld oder andere Sonderleistungen gestellt. Dann verschicken wir Briefe an die Gläubiger, meistens sind es die Banken, und verhandeln über die Höhe der Tilgung. Außerdem kann ein Pfändungsschutzkonto eingerichtet werden, auf dem ein gewisser Grundfreibetrag stehen bleibt. Schließlich muss die Existenz gesichert sein. Wir sorgen auch dafür, dass der Strom wieder läuft und die Miete gezahlt werden kann. Das entlastet die Menschen sehr.

Wie oft kommt es zu einer Verbraucherinsolvenz?

In rund 50 Prozent der Fälle steht eine Verbraucherinsolvenz an. Das Verfahren dauert im Normalfall sechs Jahre, kann unter Umständen aber auch verkürzt werden. Wir fordern gemeinsam mit anderen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege eine generelle Verkürzung auf vier Jahre, denn die Motivation der überschuldeten Menschen, die Auflagen des Verfahrens zu tragen, ist erfahrungsgemäß zu Beginn sehr hoch, doch nach drei Jahren kommt dann ein Tiefpunkt, und es werden wieder neue Schulden gemacht. Wenn sie nur noch ein weiteres Jahr durchhalten müssten, bis sie schuldenfrei sind, hätte das Verfahren unserer Ansicht nach noch mehr Erfolg.

Wer arbeitet in den Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Diakonie?

Mehr als 200 Menschen sind in unseren Schuldnerberatungsstellen beschäftigt. Fast alle sind Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die wir regelmäßig in Seminaren über aktuelle rechtliche Entwicklungen informieren. Es hat damit zu tun, dass die Schuldnerberatung aus der Sozialarbeit mit Obdachlosen und Strafgefangenen entstanden ist. Unter den Beratern gibt es aber auch einige, ehemalige Bankkaufleute und Juristen. Doch wir haben ein Nachwuchsproblem. Es gibt immer weniger Studentinnen und Studenten, die sich für die Schuldnerberatung interessieren. Ein Grund ist sicherlich die zunehmend juristische Ausprägung. Dabei ist dieses Arbeitsfeld enorm wichtig für die ganze Gesellschaft.

Kommen wir zum Schluss noch mal auf das Thema Urlaub. Was raten Sie denn überschuldeten Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können, ihn aber nötig haben?

Der große Vorteil von Diakonie ist ja, dass sie vielerorts gut mit den Kirchengemeinden vernetzt ist. Und da fragen wir dann auch mal nach, ob es Fördertöpfe gibt, so dass betroffene Familien nach Jahren noch mal einen Urlaub in den kirchlichen Kur- und Erholungsheimen machen können.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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