17. Juli 2015

Sommergespräch mit Sabine Bruns

Urlaub aus dem Knast

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. Jede Woche stellen wir nun im Gespräch ein gutes Beispiel diakonischer Hilfen vor. Dazu gehört auch die Straffälligenhilfe. Auf den ersten Blick haben Gefängnis und Urlaub rein gar nichts miteinander zu tun. Aber das ist falsch, wie die Referentin der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Sabine Bruns, erklärt.

Sabine Bruns

Wie geht es Häftlingen in der Urlaubszeit, wenn überall von Reisen, Sonne und Strand die Rede ist? Wird die Sehnsucht nach Freiheit dann besonders stark?

Das habe ich bislang selten erlebt. Wehmütig, ruhiger und bedrückter sind Strafgefangene in der Regel an Weihnachten und in den Tagen des Jahreswechsels. Da kommen belastende Erinnerungen hoch. Viele empfinden in diesen Tagen ihre Einsamkeit sehr viel stärker und vermissen ihre Familie. Sie sehnen sich nach einer Geborgenheit, die ihnen im Gefängnis natürlich fehlt.

Auch Strafgefangene haben Anspruch auf Urlaub. Das hat neulich sogar das Oberlandesgericht Hamm bestätigt. Wie sieht dieser „Urlaub“ aus?

Zum einen hat jeder Inhaftierte, der im Gefängnis arbeitet, auch einen Anspruch auf „Freistellung von der Arbeit“. Pro Kalenderjahr darf er 20 arbeitsfreie Tage nehmen, was aber natürlich nicht bedeutet, dass er dann auch automatisch die Justizvollzugsanstalt verlassen darf. Zum anderen können Häftlinge sogenannte „vollzugsöffnende Maßnahmen“ für insgesamt 24 Tage im Jahr beantragen. Die Anstaltsleitung prüft dann genau, wie lange und unter welchen Auflagen Inhaftierte das Gefängnis verlassen dürfen. Meistens gilt das aber nur für ein Wochenende, für einen längeren Zeitraum „verreist“ niemand. Das scheitert bei den meisten Inhaftierten bereits am Geld.

Was machen die meisten Inhaftieren denn, wenn sie die Anstalt verlassen?

Viele besuchen ihre Familie oder Freunde. Theoretisch können sie mit ihrer Familie auch ein paar Tage verreisen, wenn das genehmigt wurde. Aber natürlich nicht ins Ausland. Ich bin übrigens froh, dass im neuen Strafvollzugsgesetz nicht mehr die Rede von Urlaub ist, denn das erweckt den völlig falschen Eindruck, als wenn auch Strafgefangene ein Recht darauf haben, sich ein paar nette Ferientage zu gönnen.

Die einen wollen raus aus dem Knast, die anderen möchten gerne mal aus Neugierde rein. Mittlerweile gibt es diverse Hotels, die ihren Gästen Nervenkitzel in Gefängniszellen versprechen. Was halten Sie davon?

Prinzipiell begrüße ich es, wenn Bürger ein Gefängnis mal von innen sehen. Denn in unserer Gesellschaft gibt es ja oft die Vorstellung, dass Häftlinge auf kaum etwas verzichten müssen, in nett eingerichteten Zellen mit eigenen Fernseher wohnen, gute Kantinen und Sporträume haben – was dann ja alles auch noch der Steuerzahler finanziert… Das entspricht nicht der Realität. Doch aus Nervenkitzel eine Art „Eventurlaub“ im Knast zu verbringen, finde ich ziemlich schräg und ignorant.

In Deutschland waren Ende 2014 knapp 62.000 Menschen inhaftiert, der größte Teil von ihnen, nämlich 14.550, in NRW. Wie unterstützt die Straffälligenhilfe der Diakonie Menschen darin, die Haft sinnvoll zu gestalten und danach wieder zurück in die Gesellschaft zu finden?

In Kirche und Diakonie gibt es eine lange Tradition der Straffälligenhilfe. In diesem sozialen Arbeitsbereich sind wir sogar führend. Wir haben ein gutes Netz an professioneller Beratung, und viele diakonische Träger bieten stationäre und ambulante Betreuung nach der Haft an.

In NRW gibt es mehr als 1.000 Ehrenamtliche, die Strafgefangene während der Haft besuchen, ihnen Gespräche anbieten, aber auch mit ihnen kochen, Theater oder Schach spielen und Sport machen. Viele helfen nach der Haftentlassung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche.

Gefängniszaun an grauer Mauer

Wie erfolgreich sind denn diese ganzen Resozialisierungsangebote?

Erfolg ist immer relativ. Das zeigt auch die gerade veröffentlichte Studie von Tübinger Wissenschaftlern in Hessen. Danach werden 70 Prozent der Straftäter im hessischen Jugendvollzug rückfällig, aber nur 30 Prozent von ihnen müssen wieder ins Gefängnis, denn insgesamt begehen sie deutlich weniger schwere Straftaten. Ich werte das als Erfolg. Die Studie bestätigt, was wir schon lange beobachten, nämlich, dass die ersten sechs Monate nach der Haftentlassung meist am schwierigsten sind und es in dieser Zeit häufig zu Rückfällen kommt.

Aber es gibt doch viele Hilfsangebote für entlassene Straftäter. 

Es fehlt aber häufig die intensive Betreuung, die gerade dann nötig wäre. Viele Haftentlassene sind damit überfordert, sich innerhalb weniger Tage um einen Wohnsitz für die polizeiliche Anmeldung, um Arbeit und Krankenversicherung zu kümmern. Es wäre sinnvoll, wenn sie diese Behördengänge bereits vor der Haftentlassung machen könnten. Bei der Diakonie RWL haben wir uns sehr dafür eingesetzt, dass dieses „Übergangsmanagement“ verbessert wird. Die Justizministerkonferenz beschäftigt sich nun tatsächlich mit einer Gesetzesänderung auf Bundesebene, die dafür nötig ist. Aber das alles dauert noch.

Sie arbeiten seit 1997 als Referentin für Straffälligenhilfe bei der Diakonie RWL. Welche Projekte diakonischer Einrichtungen haben Sie bisher besonders beeindruckt?

Da gibt es viele. Besonders gut funktioniert die Resozialisierung der Straftäter dort, wo diakonische Träger in und außerhalb der Haftanstalt Büros aufgebaut haben, in denen die Häftlinge beraten und betreut werden. Es gibt verschiedene erfolgreiche Projekte, etwa Anti-Aggressions-Trainings, denn Gewalt ist in den Haftanstalten ein großes Problem. Durch die Vermittlung in gemeinnützige Arbeit und andere Maßnahmen wird durch diakonische Einrichtungen Haft vermieden. Beeindruckend finde ich auch das Bielefelder Projekt „Freiräume“, das Spielgruppen und Wochenenden für inhaftierte Väter und ihre Kinder organisiert.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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