22. Juli 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag in der U-Haft-Beratung

Seit 13 Jahren arbeitet Thomas Wendland in der Straffälligenhilfe der Diakonie für Bielefeld. Jeden Dienstag berät der 54-jährige Sozialpädagoge Untersuchungshäftlinge in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede. Was mit der Bitte um einen Telefonanruf bei der Familie beginnt, endet bisweilen in einem Gespräch über Beziehungen, Schuld und Einsamkeit.

Thomas Wendland am Schreibtisch in seinem Büro in der JVA

Hinter Gittern: Thomas Wendland in seinem Büro

Wenn ich dienstags in die Justizvollzugsanstalt (JVA) fahre, habe ich schon einen halben Arbeitstag mit Teambesprechungen und Büroarbeit hinter mir. Da ich in zwei verschiedenen Dienststellen der Diakonie für Bielefeld tätig bin, muss ich viel hin und her fahren. Das mache ich meistens mit dem Fahrrad.

Im Weidenhof an der Schildescher Straße haben wir die Gruppen- und Büroräume für unser "Freiräume"-Projekt, einem Angebot für die Kinder und Angehörigen von Inhaftierten. In der Kreuzstraße ist unsere stationäre Einrichtung für haftentlassene Menschen untergebracht, wo auch die ambulante Beratungsstelle der Straffälligenhilfe zu finden ist.

Die JVA Bielefeld-Brackwede liegt am Stadtrand. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, fahre ich dort immer mit einem Dienstwagen der Diakonie hin. Wenn ich das Auto auf dem Besucherparkplatz abgestellt habe, stehe ich vor einem großen Betonklotz, der von einer langen, grau-weißen Mauer umgeben ist. Dahinter leben 500 Inhaftierte. Ich atme tief durch, denn jetzt betrete ich eine andere Welt. Zum Glück habe ich einen eigenen Schlüssel, den ich an der Pforte bekomme, denn ich bin "sicherheitsüberprüft". Das bedeutet, ich darf den Haftbereich überall – mit Ausnahme der Zellen - ohne das Wachpersonal betreten, um gemäß unseres Konzeptes "Soziale Hilfen in U-Haft" die Beratung durchzuführen.

Langer Gang mit weißen Zellentüren

Trakt der U-Haft-Beratung

Lange Gänge, viele Türen, ein kleines Büro

Ich muss einen langen Flur entlang gehen und sechs bis sieben Türen auf- und abschließen, bis ich zum Gebäude gelange, in dem die Untersuchungshäftlinge untergebracht sind. Regulär gibt es hier Plätze für 120 Menschen, derzeit sind aber mehr als 150 Untersuchungshäftlinge in der Anstalt, was auch damit zu tun hat, dass zunehmend Flüchtlinge inhaftiert werden.

Als ich hier vor 13 Jahren anfing und noch mit einem Beamten des internen Sozialdienstes unterwegs war, kam mir der Weg endlos vor. Jetzt ist er Alltag für mich. Trotzdem vergesse ich nie, wo ich mich befinde. Seit ich hier arbeite, definiere ich den Begriff der Freiheit für mich ganz neu.

Zunächst gehe ich zur Poststelle, um aus meinem Fach die Anträge der Gefangenen an mich für ein Beratungsgespräch zu holen. In der Regel finde ich dort 10 bis 20 Anträge. Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich versucht, möglichst allen ein Gespräch an einem Tag zu ermöglichen. Doch das ist an einem Nachmittag eigentlich nicht zu schaffen. Jetzt wähle ich meist acht Gefangene aus, die in mein Büro zur Beratung kommen können. Den Schlüssel hole ich bei den Beamten des Hafthauses ab. Sie sitzen in einem mit Glas verkleideten Büro, der sogenannten "Kanzel". Von dort können sie jede Zelle überblicken.

Mein Büro befindet sich im zweiten Stock und ist mit einem Tisch, zwei Besucherstühlen, einem Schreibtisch, Computer und Aktenschrank ausgestattet. Ein Alarmknopf an der Wand befindet sich in Reichweite. Ich kann ihn drücken, falls mich ein Häftling im Gespräch bedroht und übergriffig wird. Das ist mir bisher aber noch nie passiert.

Thomas Wendland am Schreibtisch, vor ihm sitzt ein Mann

Thomas Wendland in der Beratung

Gespräche sind eine "Wundertüte"

In der Untersuchungshaft dürfen die Häftlinge in der Regel keine eigenen Telefonate führen. Auch ihre Post wird kontrolliert. Wenn die Briefe in einer fremden Sprache rausgehen oder reinkommen, müssen sie zunächst übersetzt werden. Das alles kann dann acht bis zehn Tage und mit Übersetzung noch länger dauern. Daher möchten die meisten Männer, die zu mir kommen, dass ich für sie telefoniere oder eine Haftinformation an Angehörige schreibe. Anträge für selbstgeführte Telefonate müssen vorher von der Staatsanwaltschaft genehmigt worden sein.

Zunächst sortiere ich die Anträge und schaue in der justizeigenen Datenbank nach, wer um eine Beratung bittet. Dann stelle ich eine Liste für die Vollzugsbeamten auf, damit sie wissen, in welcher Reihenfolge sie die Gefangenen aus ihren Zellen für das Gespräch holen sollen. Dabei schaue ich nach dem Anliegen, das die Männer haben. Wenn es darum geht, Anwälte, Arbeitgeber oder Sozialbehörden zu kontaktieren, sollten die Gespräche bis 17 Uhr stattfinden. Wer mit meiner Hilfe seine Familienangehörigen erreichen möchte, kann dies besser später tun.

Die Gespräche sind für mich immer eine "Wundertüte". Manchmal geht es ganz schnell. Dann stelle ich den Kontakt zu dem gewünschten Anwalt her oder informiere die Eltern oder die Partnerin darüber, dass ihr Angehöriger in Untersuchungshaft sitzt, wie die Besuchszeiten sind und übermittle Dinge, die noch zu regeln sind. Etwa, wenn ein Auto von der Polizei sichergestellt wurde und abgeholt werden muss. Halt ganz praktische Sachen. Manchmal aber dauert das Gespräch länger, weil der Gefangene plötzlich beginnt, sich zu rechtfertigen, mir von seiner Familie oder aus seiner Ehe erzählt oder die Angehörigen am Telefon verzweifelt reagieren. Für sie biete ich dann oft noch gesonderte Beratungstermine an.

Zelle der JVA Bielefeld-Brackwede

Die Zelle - ein Ort der Einsamkeit

Jeder verdient eine Chance

Viele Häftlinge fühlen sich einsam, sind sehr angespannt vor der Gerichtsverhandlung und haben Angst, den Kontakt zu ihren Angehörigen zu verlieren. Die Untersuchungshaft dauert mindestens zwei bis drei Wochen, oft aber auch Monate. Ich habe aber auch schon einen Mann erlebt, der über ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht hat, weil sich die Verhandlungen so lange hinzogen, bis ein Urteil gefällt war. Und dann wurde er freigesprochen. Das war eine Tragödie, denn bis dahin hatte er alle sozialen Kontakte verloren.

Ich habe hier mit Menschen zu tun, die alle möglichen Verbrechen begangen haben, von Diebstahl und Drogenmissbrauch über Sexualdelikte bis hin zu Mord. Die meisten werden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Es fällt mir nicht immer leicht, meine eigene Wertung in den Hintergrund zu rücken und den Männern vorurteilsfrei zu begegnen. Doch jeder verdient eine Chance.

Dolmetscher für Flüchtlinge fehlen

In der letzten Zeit kommen häufiger Flüchtlinge in meinem Büro, die einen Kontakt in ihr Heimatland herstellen möchten, um ihrer Familie zu sagen, dass sie nicht gestorben sind, sondern sich nicht melden können, weil sie im Gefängnis sitzen. Wenn das auf Englisch oder Französisch möglich ist, kann ich aktiv werden. Bei Menschen, die zum Beispiel nur Arabisch sprechen, versuche ich auch mit Hilfe von Mitgefangenen herauszufinden, was für Fragen sie haben. Ansonsten ist es schwierig, tatsächlich zu helfen. Hierfür fehlen uns Dolmetscher.

Aussenansicht JVA Bielefeld-Brackwede

Hier geht es rein und raus: Pforte der JVA

Gegen 19 Uhr beende ich meine Beratung. Mir schwirrt meist der Kopf von all den Gesprächen und der Anspannung, in der sich die meisten Gefangenen befinden. Ich dokumentiere die Gespräche noch in der justizeigenen Datenbank, unter anderem auch für den katholischen Kollegen, der die Beratung montags anbietet. Dann gebe ich den Büroschlüssel wieder in der "Kanzel" ab und mache mich auf den Rückweg durch die langen Flure. Oft bin ich dabei noch ganz in Gedanken. An manchen Tagen erfüllt mich Dankbarkeit, dass ich wieder nach Hause zu meiner Familie fahren kann. Wenn ich die Haustür aufschließe, dann betrete ich eine andere Welt. Meine Welt, in der ich mich wohl fühle und ausspannen kann. Was für ein Glück.

Protokoll: Sabine Damaschke

Fotos: Diakonie für Bielefeld /JVA Bielefeld-Brackwede

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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