17. Mai 2016

Straffälligenhilfe

Auf dem Sportplatz statt hinter Gittern

Geld oder Knast – So lautet der Richterspruch bei kleineren Delikten. In NRW gibt es für all jene, die nicht zahlen können, noch eine andere Alternative zur Haftstrafe: sie leisten gemeinnützige Arbeit. In Wuppertal betreut das Wichernhaus, Mitglied der Diakonie RWL, das landesweite Projekt "Schwitzen statt Sitzen". Trotz sichtbarer Erfolge muss es jedes Jahr ums Geld kämpfen.

Portrait Marc mit Besen auf dem Sportplatz

Marc macht seinen Job auf dem Sportplatz gern

Jeden Morgen, wenn Marc seinen Dienst auf dem Sportplatz antritt, atmet er erstmal tief die frische Luft ein. "Eigentlich würde ich jetzt in der Zelle sitzen und durch die Gitterstäbe nach draußen schauen", sagt er. 120 Stunden gemeinnützige Arbeit muss der 29-Jährige auf dem Sportplatz ableisten, weil er 600 Euro Strafe für den Diebstahl eines Tablets nicht zahlen konnte. "Ich habe es in einem Rucksack an einer Parkbank gefunden und verkauft statt dem Besitzer zurückzugeben", erzählt er. Es war der Tiefpunkt in einer Reihe von Schicksalsschlägen, die den gelernten Zerspanungsmechaniker von der Arbeits- und Wohnungslosigkeit bis in die Straffälligkeit führte. "Ich glaube, der Knast hätte mir den Rest gegeben", meint er. "Die Arbeit sehe ich jetzt als meine Chance auf einen Neuanfang."

Marc ist einer von derzeit 180 Menschen, die im Rahmen des landesweiten NRW-Projekts "Schwitzen statt Sitzen" in Wuppertal auf Sportplätzen, Friedhöfen, Tierparks oder in verschiedenen sozialen Einrichtungen von Wohlfahrtsverbänden und Kirchengemeinden gemeinnützige Arbeiten verrichten. Wuppertal gehörte zu den ersten Städten, in denen das Projekt 1997 startete. Jedes Jahr melden sich rund 700 Menschen bei der sogenannten "Fach-und Vermittlungsstelle für gemeinnützige Arbeit im Landgerichtsbezirk Wuppertal". Die Stelle ist bei der Wichernhaus Wuppertal GmbH angesiedelt, einer diakonischen Einrichtung der Straffälligenhilfe, die zur Diakonie RWL gehört.

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Betreut derzeit 180 Menschen im Projekt: Falk Pieper

Vielfalt der Einsatzorte - Vom Tierpark bis zum Seniorenheim

Probleme, für die Menschen einen geeigneten Einsatzort zu finden, hat Vermittler Falk Pieper nur selten. Rund 550 Kooperationspartner gibt es mittlerweile für das Projekt. "Häufig sind die Menschen, die gemeinnützige Arbeit leisten wollen, erstaunt, wie viele Möglichkeiten sie dafür haben", sagt er. Bei den Männern sind Gartenarbeiten besonders beliebt. Frauen möchten gern in Tierparks tätig sein oder in sozialen Einrichtungen alte Menschen oder Kinder betreuen. Der Großteil der Projektteilnehmer ist schon seit vielen Jahren arbeitslos und kann die Geldstrafe für Delikte wie wiederholtes Schwarzfahren oder kleinere Betrügereien nicht bezahlen.

"Viele verstehen die Arbeit als Strafe und sind dann erstaunt, dass sie ihnen sogar Spaß machen darf", erzählt Pieper. Außerdem sei die gemeinnützige Tätigkeit eine gute Chance, die Menschen wieder an einen geregelten Tagesablauf und Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu gewöhnen. "Die meisten hätten gerne wieder einen Job und nehmen die neue Tätigkeit ernst, aber ich muss sie oft motivieren, damit sie auch tatsächlich durchhalten." Mit der Vermittlung alleine nämlich ist es nach Erfahrung des 47-jährigen Sozialarbeiters nicht getan.

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Wünscht sich schon lange eine auskömmliche Finanzierung des Projekts: Petra Söder

Mehr Erfolg mit mehr sozialpädagogischer Betreuung

Seit 1999 betreut er das landesweite Projekt "Schwitzen statt Sitzen" in Wuppertal – alleine und mit einer 30-Stunden-Stelle. Pieper engagiert sich, wo er kann, aber für intensive Gespräche und tägliche Besuche auf den Einsatzstellen fehlt ihm die Zeit. Er wünscht sich eine volle Stelle und noch eine Verwaltungskraft. "Das kostet nicht viel im Vergleich zu dem Geld, das die Landesregierung sparen könnte", betont Pieper – und rechnet vor, dass allein im Landgerichtsbezirk Wuppertal rund 45.000 Stunden gemeinnützige Arbeit im Rahmen des Projekts geleistet werden, was gut 7.000 ersparten Hafttagen und damit jedes Jahr ersparten Haftkosten von rund 830.000 Euro entspricht. Würden alle fünf Modellprojekte in NRW auskömmlich finanziert, könnte das Land erheblich mehr unnötige Haftaufenthalte vermeiden und dadurch rund fünf Millionen Euro mehr einsparen.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Projekts sei aber die gute sozialpädagogische Begleitung, betont auch Petra Söder, Einrichtungsleiterin Straffälligenhilfe der Wichernhaus Wuppertal gemeinnützige GmbH. Seit 25 Jahren arbeitet sie mit straffällig gewordenen Menschen und weiß, dass viele eine intensive Betreuung brauchen, um einen achtstündigen Arbeitstag durchzustehen.

Das Ziel: straffrei und eigenverantwortlich leben

"Manchmal fehlt mir einfach die Kraft, morgens aus dem Bett zu kommen", gibt Max (Name geändert) zu. Auch er leistet gerade gemeinnützige Arbeit bei einem Wuppertaler Sportverein, lebt aber seit Dezember im Wohnhaus des Wichernhauses für aus der Haft entlassene Männer und Frauen. Bewusst hat er sich dort um einen Platz beworben. Der 30-jährige arbeits- und wohnungslose Techniker wurde er zu einer Bewährungsstrafe und Sozialstunden verurteilt. In der stationären Einrichtung lebt er nun mit 27 anderen Frauen und Männern zusammen. Die Betreuten können bis zu 18 Monate in der Einrichtung leben.

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Wolfgang ist Vorbild für jüngere ehemalige Straffällige

"Wir helfen diesen Menschen, wieder ein straffreies Leben aufzubauen und dabei spielen die schulische und berufliche Integration eine wichtige Rolle", erklärt Petra Söder. Die Sozialarbeiter des Hauses geben nicht nur Unterstützung bei der Entwicklung einer eigenverantwortlichen Lebensführung, sondern auch bei Bewerbungen, motivieren zu Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen. Auch wenn es schwer ist, einen Job zu finden und zu behalten, gibt es doch immer wieder kleine Erfolgsgeschichten.

Eine davon kann der 49-jährige Wolfgang erzählen. Seit einigen Monaten hat er einen Minijob auf einem Wuppertaler Friedhof. Die Arbeit macht ihm Spaß, hilft ihm, den Tag zu strukturieren und gibt ihm Mut für ein neues Leben. Immer wieder saß Wolfgang wegen kleinerer Diebstähle, die er als Drogensüchtiger beging, im Gefängnis. Die Chance auf gemeinnützige Arbeit statt Knast hatte er nicht. Jüngere Mitbewohner wie Max ermahnt er deshalb, diese Tätigkeit als Einstieg in ein neues Leben zu sehen. "Ich sage immer: Vergeude keine weiteren zwanzig Jahre, bis du wie ich wieder auf die Füße kommst." Worte, die schon einige seiner Mitbewohner zum Nachdenken gebracht haben.

Sabine Damaschke

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Presse- und Medienarbeit
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