15. Juni 2015

Wohnungslose junge Erwachsener erzählen ihre Geschichte

„Wir gehörten nirgendwohin“

Schon als Teenager hatten sie immer wieder Stress mit ihrer Familie. Deshalb zogen Joschua und Patrick von zu Hause aus. Sie schliefen bei Freunden, in Notfallschlafstellen oder auch auf der Straße. Jetzt leben sie im Friedrich-Naumann-Haus der Diakonie Düsseldorf, einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe für junge Männer. Im Interview erzählen sie ihre Geschichte.

Joshua und Patrick

Joshua und Patrick (v.l.)

Wie habt Ihr davon erfahren, dass es dieses Haus gibt?

Joschua: Das war reiner Zufall. Die Mutter eines Freundes, bei dem ich gewohnt habe, hat unglaublich viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, wer mir dabei helfen kann, eine Wohnung und einen Ausbildungsplatz zu finden, aber sie hatte keinen Erfolg. Immer wieder war nur zu hören: „Wäre Joschua einige Monate jünger, könnten wir helfen, aber jetzt ist es schwierig.“ Irgendwann wollte ich mir das Leben nehmen und bin in einer psychiatrischen Klinik gelandet. Dort hat mich eine Sozialarbeiterin auf das Friedrich-Naumann-Haus aufmerksam gemacht. Im vergangenen Monat bin ich dann direkt dort hingegangen, und bislang gefällt es mir sehr gut.

Patrick: Ich bin im November 2014 eingezogen, nachdem mir eine Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal die Adresse in die Hand gedrückt hat. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass mir überhaupt jemand helfen kann.

Warum seid Ihr wohnunglos geworden?

Patrick: Nach ständigen Streitereien bin ich mit 16 Jahren von zuhause rausgeflogen. Ich war damals allerdings selbst schon dabei, meine Tasche zu packen und bin zu meinem besten Freund gezogen. Dort habe ich ein halbes Jahr gewohnt und noch die 10. Klasse zu Ende gemacht. Danach bin ich dann ständig hin- und hergezogen. Mal habe ich bei einer Freundin, dann bei Freunden, zwischendrin auch mal wieder bei meiner Mutter gewohnt. Als ich 18 Jahre alt war, hat man mir in einer Notschlafstelle für Obdachlose erklärt, dass ich Anspruch auf Arbeitslosengeld II habe, aber für den Antrag musste ich dann wieder mit meiner Mutter Kontakt aufnehmen. Das hat alles nicht funktioniert. Also bin ich weiter hin- und hergependelt zwischen Freunden und Wohnorten in insgesamt vier Städten. Manchmal war ich zehn Stunden am Tag im Zug, natürlich ohne Fahrkarte. Wegen wiederholten Schwarzfahrens bin ich schließlich für 56 Tage in die JVA gekommen.

Einrichtungsleiter Timo Stascheit mit Joschua und Patrick

Einrichtungsleiter Timo Stascheit mit Joschua und Patrick

Joschua: Ich bin bei meiner Mutter groß geworden, aber unsere Beziehung war nichtgut. Mit 13 Jahren war ich für 1,5 Jahre in einer Gastfamilie in Österreich. Aber das hat die Situation zuhause nicht entspannt. Im Gegenteil. Als ich zurückkam, habe ich mit Cannabis angefangen, die Schule geschwänzt und noch nicht mal die 9. Klasse zu Ende gemacht. Ich war sogar auf einem teuren Internat, wurde in Maßnahmen für perspektivlose Jugendliche gesteckt, aber nichts hat geholfen. Jedenfalls hat mich meine Mutter dann mit 18 Jahren auf die Straße gesetzt; ich wurde von der Polizei abgeholt. Danach habe ich bei Freunden, kurze Zeit auch auf der Straße gelebt. Schließlich war ich so verzweifelt, dass ich mir das Leben nehmen wollte und bin in einer psychiatrischen Klinik gelandet. Seit Mai wohne ich nun im Friedrich-Naumann-Haus und habe endlich wieder eine Perspektive.

Wie sieht der Alltag im Friedrich-Naumann-Haus aus?

Patrick: Wir stehen morgens um sieben Uhr auf, frühstücken und dann helfen wir bis 16 Uhr entweder im Haus, Garten, in der Holz- oder Fahrradwerkstatt. Abends können wir dort Billard oder Kicker spielen. Es gibt auch einen Kraftraum. Wer dort aufgenommen wird, macht eine Hilfeplanvereinbarung. Darin legt man gemeinsam mit dem Sozialarbeiter fest, was man erreichen möchte, denn man sollte ja nach möglichst einem Jahr selbstständig leben können.

Joschua: Die Mitarbeiter helfen uns dabei, uns um unsere Finanzen und eine eigene Wohnung, einen Ausbildungsplatz oder um das Nachholen von Schulabschlüssen zu kümmern. Aber wir müssen uns auch an Regeln halten. Wer haut und klaut, fliegt raus.

Wie soll es denn nun bei Euch weitergehen?

Patrick: Ich habe festgestellt, dass mir die Arbeit in der Werkstatt sehr viel Spaß macht, deshalb würde ich gerne eine Ausbildung in einem handwerklichen Betrieb machen. Zum Glück habe ich ja meinen Realschulabschluss in der Tasche und damit gute Chancen, dass das klappt.

Joschua: Ich müsste eigentlich meinen Schulabschluss nachholen, aber dazu habe ich im Moment gar keinen Nerv. Vielleicht mache ich das später mal auf der Abendschule. Ich möchte jetzt unbedingt auf eigenen Beinen stehen und eine Ausbildung beginnen, am besten schon im Herbst.

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