20. Oktober 2016

Wohnungslosenhilfe

Kaum Wohnraum für Obdachlose

Der Bestand an Sozialwohnungen ist in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Das hat massive Auswirkungen auf die diakonische Wohnungslosenhilfe. Sie findet kaum noch günstigen Wohnraum für obdachlose Menschen. Ein Problem, das inzwischen auch auf dem Land akut ist. Jan Orlt von der Diakonie RWL erläutert, warum sich die Lage so zugespitzt hat.

Bettler mit Hund sitzt in einem Geschäftseingang

Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW

In Nordrhein-Westfalen fallen jährlich über 10.000 Wohnungen aus der Bindung als Sozialwohnung. 2015 gab es nur noch knapp 477.000 Sozialwohnungen. 1979 waren es über 1,6 Millionen. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die diakonische Wohnungslosenhilfe aus?

Preiswerter Wohnraum, der im Rahmen der Grundsicherung finanziert wird, ist knapp. Nehmen wir das Beispiel Dortmund: dort gab es im Jahr 2012 noch rund 29.000 Sozialwohnungen. Drei Jahre später waren es nur noch 24.000. In Köln verschwanden im gleichen Zeitraum etwa 4.000 günstige Wohnungen. Viele Menschen können aus den stationären Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe nicht ausziehen und ins betreute Wohnen wechseln, weil einfach die Wohnung fehlt. Mit der Folge, dass unsere stationären Einrichtungen voll sind. Hilfesuchende Wohnungslose, die einen stationären Platz brauchen, müssen warten, weil die Plätze blockiert sind.

Hinzu kommt, dass unsere Leistungen im Bereich des betreuten Wohnens voraussetzen, dass der Betroffene in einer eigenen Wohnung lebt. Sonst können wir unsere Hilfeleistungen nicht anbieten, die Menschen dabei unterstützen, den Alltag in der eigenen Wohnung zu gestalten. So müssen dann Obdachlose weiter in der Obdachlosenunterkunft oder bei Freunden und Bekannten wohnen.

Seit wann ist die Situation in der Wohnungslosenhilfe so schwierig?

Seit drei bis vier Jahren ist die Lage sehr angespannt, und die Zahl der Wohnungslosen steigt. Knapp 21.000 Menschen waren 2015 in NRW wohnungslos gemeldet. Ein Plus von über zwei Prozent gegenüber 2014. Durch die große Zahl an Flüchtlingen, für die auch Wohnungen gebraucht werden, ist das Thema jetzt stärker in die Öffentlichkeit geraten. Der Markt wird enger. Durch die zusätzlich steigenden Mieten ist die eh schon schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt noch schwieriger geworden. 

Portraitfoto

Jan Orlt

Mit der Wohnsitzauflage für Flüchtlinge sollen die Kommunen in Ballungsräumen entlastet werden. Funktioniert das?

Mittlerweile ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ein flächendeckendes Problem. Die Politik versucht die Flüchtlinge auch auf das Land zu verteilen, damit die Ballungszentren nicht alleine die Last tragen müssen.

Auch wird günstiger Wohnraum auf dem Land von den Städten für die Flüchtlinge angemietet. In ländlichen Regionen sind deshalb mittlerweile auch da keine Kapazitäten an günstigem Wohnraum vorhanden, wie das früher manchmal der Fall war.

Was tut die NRW-Landesregierung, um diese Probleme zu lösen?

Das Land versucht, die Prävention zu stärken und fördert Projekte, die auf Vorbeugung und Verhinderung von Wohnungsverlust setzen. So stellt das Aktionsprogramm "Hilfen in Wohnungsnotfällen" für Modellprojekte im Landeshaushalt 1,12 Millionen zur Verfügung. Man versucht, damit in den Kommunen Frühwarnsysteme zu installieren, die greifen, wenn zum Beispiel eine Räumungsklage bekannt wird. Dann werden den betroffenen Menschen so schnell wie möglich Beratung und konkrete Hilfen wie Schuldnerberatung oder Betreutes Wohnen angeboten.

Beim Flüchtlingsgipfel hatte der Bund zugesagt, die Mittel für den sozialen Wohnungsbau um 500 Millionen Euro zu erhöhen. Rund 95 Millionen Euro davon soll NRW erhalten. Was passiert mit dem Geld?

Bis zum Jahr 2020 möchte der nordrhein-westfälische Bauminister Michael Groschek rund 50.000 neue Sozialwohnungen fördern. In der Vergangenheit wurden viele öffentliche Mittel für den sozialen Wohnungsbau nicht abgerufen, weil die Zinsen so niedrig sind. Hier sind die Förderbedingungen in NRW für die Investoren, zum Beispiel durch die Möglichkeit von hohen Tilgungsnachlässen, attraktiver geworden. Dabei kann das Land nur die passenden Rahmenbedingungen schaffen. Vor Ort müssen die Kommunen dafür sorgen, dass neuer günstiger Wohnraum entsteht

Reichen diese Programme oder muss noch mehr getan werden?

Die Förderung der Prävention und die neue Förderung des sozialen Wohnungsbaus begrüßen wir sehr. Aus unserer Sicht wäre es aber zusätzlich wichtig, für die wohnungslosen Menschen aufsuchende Hilfen zu stärken und besser zu finanzieren. Damit die Sozialarbeiter auch mal die Möglichkeit haben, den Wohnungslosen im Obdachlosenheim zu besuchen und Hilfen bei der Wohnungssuche anzubieten. Die Kontakte zu den Wohnungslosen zu halten, ist für unsere Arbeit sehr wichtig. Diese aufsuchende Hilfe kann derzeit nicht geleistet werden, da es an den entsprechenden Finanzierungsmöglichkeiten fehlt.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

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