8. April 2016

Wohnungslosenhilfe für junge Männer

Die Chance auf ein neues Leben

Kein Schulabschluss, kein Job, keine Wohnung: in Deutschland leben rund 20.000 Jugendliche ganz oder teilweise auf der Straße. Wer volljährig ist, hat es besonders schwer, soziale Unterstützung zu finden. Zu den wenigen Angeboten der Wohnungslosenhilfe für junge volljährige Menschen gehört das Friedrich-Naumann-Haus der Diakonie Düsseldorf. Seit über 60 Jahren gibt es jungen Männern ein Zuhause.

Zimmer statt Parkbank: Dennis hat ein neues Zuhause gefunden

Wenn Dennis obdachlose Männer auf der Parkbank oder in Hauseingängen schlafen sieht, fühlt er sich seltsam erleichtert. "Noch vor einigen Wochen hatte ich Angst, dort auch zu enden", erzählt er. Ganz unten sei er gewesen, meint der 23-jährige junge Mann. Seinen Job als Hilfsarbeiter hatte er verloren. Es gab Ärger mit dem Arbeitsamt. Kein Geld und keine Wohnung waren die Folge.

"Erst habe ich bei meiner Mutter gewohnt, dann bei Freunden, bei meiner Oma, wieder bei meiner Mutter und immer so weiter", schildert er. "Aber irgendwann ging das auch nicht mehr." Es war ausgerechnet ein Tipp seiner Mutter, der seinem Leben eine neue Wendung gab. Im Internet fand sie das Friedrich-Naumann-Haus in Düsseldorf, eine stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe für junge Männer. Dort wohnt Dennis jetzt seit zwei Monaten.

Über 60 Jahre Wohnungslosenhilfe für junge Männer

Spielt mit den Jungs auch schon mal Dart: Timo Stascheit

Im Friedrich-Naumann-Haus lernt er nun gemeinsam mit 24 anderen jungen Männern, seinen Tag neu zu strukturieren. Er steht morgens um acht Uhr auf, hilft bei der Hausarbeit, nimmt an den Sportangeboten des Hauses teil und kümmert sich um einen Ausbildungsplatz. "Ich bin super aufgenommen worden, die Jungs haben mich direkt integriert und so akzeptiert, wie ich bin", erzählt er glücklich. "Jeder hat hier seine eigene Geschichte, aber nicht jeder möchte sie erzählen. Und das wird von allen akzeptiert." Viele der jungen Männer haben Gewalt erlebt, Drogen genommen oder waren im Gefängnis.

Schon seit 1954 werden im Friedrich-Naumann-Haus der Diakonie Düsseldorf junge Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren beherbergt, die keine Perspektive mehr sehen und nicht wissen, wo sie leben können. Damit füllt das Haus eine wichtige Lücke in der sozialen Versorgung. Denn die Jugendhilfe ist in der Regel bis zum 21. Lebensjahr begrenzt, Einrichtungen für ältere wohnungslose Menschen bieten meist wenig tagesstrukturierende Angebote. Im Friedrich-Naumann-Haus ist das anders. Es richtet sich gezielt an junge Erwachsene, die aus prekären Lebens- und Wohnverhältnissen kommen. "Wir brauchen viel mehr solcher Angebote", sagt Timo Stascheit, der seit Juli 2013 Leiter des Friedrich-Naumann-Hauses ist. In der Einrichtung wohnen überwiegend junge Männer im Alter von 20 bis 25 Jahren, die von Sozialarbeitern, Arbeitstherapeuten und Familienpflegern betreut werden.

Zurück in ein eigenständiges Leben

Heiß begehrt zum Auspowern: der Fitnessraum

Das Konzept des Friedrich-Naumann-Hauses besteht aus drei großen Bausteinen: Zu Beginn wohnen die jungen Männer in strukturierten Wohngruppen, werden komplett versorgt und müssen entweder in der Reinigungsgruppe, der Kochgruppe oder in einer der beiden Werkstätten (Fahrrad- und Holzwerkstatt) täglich ihren Aufgaben nachgehen. Der zweite Schritt ist eine "Trainingswohnung" im Haus. Hier sorgen die drei Bewohner bereits selbst für ihren Haushalt. Die "Außenwohngruppe" lebt in einem naheliegenden Viertel und stellt den letzten Schritt der Verselbstständigung dar.

Wer alle drei Stufen durchlaufen hat, ist auf dem besten Weg zurück in ein eigenständiges Leben. Denn das ist das übergeordnete Ziel der Einrichtung. "Während des Aufenthaltes im Haus gibt es für jeden Einzelnen Regeln, an die er sich zu halten hat", erklärt Stascheit. So muss jeder nach dem Frühstück um halb neun Uhr in einer der Arbeitsgruppen helfen, wenn er sich nicht bereits in einem Arbeitsverhältnis außerhalb der Einrichtung befindet.

Zusammen mit Mitarbeitern aus dem sozialen Dienst, Familienpflegern und Arbeitstherapeuten wird zu Beginn für jeden Bewohner ein Hilfeplan entworfen, der sich auf sechs Monate beläuft und konkrete Ziele verfolgt. "Natürlich ist es bei jedem unserer Bewohner unterschiedlich, wie schnell Fortschritte zu sehen sind und wie lange die Männer hier bleiben", sagt der 39-jährige Sozialarbeiter. Die Hilfe wird gewährt, solange der Hilfebedarf besteht und die jungen Männer bereit sind, an ihren vereinbarten Zielen zu arbeiten. Dem Großteil der jungen Männer gelingt dies nach einem Jahr bis eineinhalb Jahren.

Neue Interessen entdecken und sich selbst finden

René kocht mit Begeisterung fürs ganze Haus

Auch René wünscht sich, bald wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Er lebt seit Juli 2015 in der diakonischen Einrichtung und träumt von einer eigenen Wohnung und einem Auto. Seinen persönlichen Absturz erlebte der 25-jährige junge Mann, nachdem er die Bundeswehr verlassen hatte. "In vier Jahren hatte ich mich zum Hilfsausbilder hochgearbeitet und wurde dann zur Bürokraft degradiert", erzählt er. Frustriert verließ René die Bundeswehr, quartierte sich in einem Hotel ein, verprasste sein ganzes Geld. Monatelang lag er nur im Bett oder spielte Computer. "Ich habe mich komplett abgeschottet und auch gar nicht erst versucht, bei Freunden unter zu kommen", berichtet René. Auch bei ihm war es die Mutter, die das Friedrich-Naumann-Haus als letzten Rettungsanker für ihren Sohn entdeckte.

Mittlerweile ist René dort stellvertretender Bewohnersprecher und Mitglied der Kochgruppe. Während er früher die Küche mied, betrachtet er sie heute als sein Revier. Sein Traum ist es, eine Ausbildung zum Koch zu machen. Inzwischen kann er sogar selbst dafür sorgen, was in die Pfanne kommt. Im Friedrich-Naumann-Haus hat René ein neues Hobby für sich entdeckt: das Angeln. Seit letzter Woche ist er stolzer Besitzer eines Angelscheins. "Der nächste Fisch, den ich fange, kommt hier im Haus auf den Tisch", verspricht er.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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