11. November 2015

Personalwechsel bei Diakonie in Rheinland-Pfalz

Rautenberg gibt Geschäftsführung an Immer ab

Stabwechsel bei der Arbeitsgemeinschaft der Diakonie Rheinland-Pfalz: Jens Rautenberg von der Diakonie RWL verlässt die Geschäftsführung Ende des Jahres. Zusammen mit Landespfarrer Albrecht Bähr und Rechtsanwalt Heiko Kunst managte er den Verband. Sein Nachfolger wird Nikolaus Immer, Geschäftsbereichsleiter Soziales und Integration bei der Diakonie RWL. Im Gespräch ziehen sie Bilanz  und wagen einen Ausblick auf künftige Herausforderungen.

Portrait von Nikolaus Immer und Jens Rautenberg

Nikolaus Immer und Jens Rautenberg

Eigentlich könnte man annehmen, dass jedes Bundesland in Deutschland eine eigene Diakonie hat. Doch das ist nicht so. Bestes Beispiel: Rheinland-Pfalz, in dem es seit 2011 die Arbeitsgemeinschaft der Diakonie Rheinland-Pfalz gibt. Herr Rautenberg, Sie sind seit der Gründung in der Geschäftsführung. Was genau verbirgt sich hinter der Arbeitsgemeinschaft?

Jens Rautenberg: Im Gebiet des Bundeslandes Rheinland-Pfalz arbeiten die drei Diakonischen Werke Pfalz, Rheinland-Westfalen-Lippe und Hessen. Das hat historische Gründe, denn die Entstehung der Werke ist eng mit den dort ansässigen evangelischen Kirchen verknüpft, und die Kirchengrenzen sind andere als die landespolitischen Grenzen. Keines der drei Werke hat seinen Sitz in der Landeshauptstadt Mainz. Das haben viele diakonische Träger als großen Nachteil empfunden, so dass bereits vor mehr als 12 Jahren eine Vertretung der Diakonie an diesem wichtigen politischen Standort eingerichtet wurde.

Aus ihr ist dann vor fünf Jahren in einem erfolgreichen Abstimmungsprozess die Arbeitsgemeinschaft entstanden. Die drei Geschäftsführer und die landesweiten Referentinnen und Referenten für die wichtigsten Arbeitsgebiete kommen aus allen drei Diakonischen Werken. Insgesamt sind wir am Standort Mainz rund ein Dutzend Mitarbeitende. Weitere Referentinnen und Referenten arbeiten in den jeweiligen Werken für die Arbeitsgemeinschaft.

Sie selbst sind mit einer Viertel Stelle in der Geschäftsführung in Mainz vertreten, ansonsten arbeiten Sie als Koordinator für den Vorstand der Diakonie RWL in Düsseldorf. Sie haben also sowohl mit der Landesregierung in Rheinland-Pfalz als auch in NRW zu tun. Sind das zwei Welten für Sie?

Jens Rautenberg: Ja, es gibt schon Unterschiede, die sicherlich auch mit der Größe des Bundeslandes zusammenhängen. In Rheinland-Pfalz sind die Wege zur Landesregierung kürzer und direkter als in NRW. In sozialpolitischen Fragen ist die Diakonie ein wichtiger Ansprechpartner für die Landesregierung und auch gern gesehener Gast auf Veranstaltungen mit sozialpolitischen Themen. Auch umgekehrt gibt es einen regen Austausch. Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihre Kabinettskollegen kommen oft zu diakonischen Tagungen und Empfängen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW sind wir als Diakonie sicher auch wichtig und geschätzt, bewegen uns aber in einem viel größeren Feld mit anderen Sozialverbänden.

Portrait von Nikolaus Immer

Nikolaus Immer

Nikolaus Immer: Als Vorsitzender der Kommission Soziale Sicherung, Migration und Armutsbekämpfung der LIGA der freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz schätze ich diesen relativ unkomplizierten Zugang zur Landesregierung in Mainz sehr. Auch die Zusammenarbeit von Kirchen und Diakonischen Werken, die dort eine gemeinsame Vertretung unterhalten, finde ich bemerkenswert. Das ist bundesweit einzigartig. In NRW etwa haben wir bei der Landesregierung einen kirchlichen, aber keinen diakonischen Vertreter.

Was waren denn politisch wichtige Themen in den vergangenen vier Jahren, bei denen die Arbeitsgemeinschaft der Diakonie Rheinland-Pfalz eigene Akzente setzen konnte?

Jens Rautenberg: Wir haben zum Beispiel für die Schuldnerberatung eine bessere Finanzierung erreicht oder die Schwangerenkonfliktberatung vor anfangs angekündigten massiven Finanzkürzungen „gerettet“. Außerdem waren wir daran beteiligt, gemeinsam mit privaten Anbietern eine Pflegegesellschaft zu gründen und die Pflege in Rheinland-Pfalz damit ökonomisch besser abzusichern. Wir haben gemeinsam mit der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz eine Studie auf den Weg gebracht zur ökonomischen Bedeutung der Sozialwirtschaft. Darin konnte das Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz nach einer nahezu flächendeckenden Befragung aller verbandlichen Träger belegen, dass von jedem Euro, den der Staat in die Sozialwirtschaft investiert, 72 Cent durch Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge zurückfließen. Professionell geleistete soziale Arbeit kostet den Staat nicht nur, sondern wirkt sich positiv auf den Arbeitsmarkt und die lokale Wirtschaft und damit auf die Sozialkassen aus.

Nikolaus Immer: Ein weiteres wichtiges Thema war für uns der Armuts- und Reichtumsbericht. In NRW wird oft vermutet, dass es in Rheinland-Pfalz weniger Armut gibt, weil dort sehr viele Menschen Wohneigentum besitzen. Doch das täuscht. Dort ist die Armut ein großes Thema, z. B. absehbar auch Altersarmut.

Gibt es besondere Herausforderungen für die diakonische Arbeit in Rheinland-Pfalz?

Nikolaus Immer: Ja, denn im Gegensatz zum einwohnerstärksten Bundesland NRW hat Rheinland-Pfalz gemessen an seiner Fläche sehr viel weniger Einwohner. Das bedeutet, wir haben es hier oft mit einer „Diakonie auf dem Land“ zu tun. Für unsere Mitgliedseinrichtungen sind die Anfahrtswege länger und die Arbeitsstrukturen damit auch anders als für die meisten diakonischen Einrichtungen in NRW.

Foto Jens Rautenberg; Die Schuldenbremse in Rheinland-Pfalz erschwert oft die Arbeit der Diakonie, sagt Jens Rautenberg

Die Schuldenbremse in Rheinland-Pfalz erschwert oft die Arbeit der Diakonie, sagt Jens Rautenberg

Jens Rautenberg: Eine besondere Herausforderung im Hinblick auf die politische Interessenvertretung unserer Mitglieder besteht sicherlich auch darin, dass sich in Rheinland-Pfalz Kommunen und Landesregierung direkt über die Steuerung und Finanzierung von Sozialleistungen einigen müssen. Es gibt keine Landschaftsverbände wie in NRW, die dort zum Beispiel in der Behindertenhilfe diese Funktionen im Wesentlichen wahrnehmen. Außerdem achtet Rheinland-Pfalz sehr strikt auf die Einhaltung der Schuldenbremse. Die Finanzierung sozialer Arbeit ist oft ein harter Kampf für die Kommunen und die Wohlfahrtsverbände – gemeinsam aber auch manchmal gegeneinander

Herr Immer, Sie werden nun die Aufgaben von Herrn Rautenberg übernehmen. Was setzen Sie fort, wo möchten Sie neue Akzente setzen?

Nikolaus Immer: Zunächst will ich betonten, dass die Geschäftsführung und mit ihr Jens Rautenberg in den vergangenen vier Jahren eine hervorragende Arbeit geleistet hat. Sie hat die Anliegen unserer Mitglieder über die verschiedenen diakonischen Fachgruppen und weitere Gremien kompetent begleitet. Diese Nähe zu den Mitgliedseinrichtungen möchte ich in der nächsten Zeit noch ausbauen und entsprechend die Einrichtungen besuchen.

Das Thema Flüchtlinge wird uns sicher auch in der Arbeitsgemeinschaft stark beschäftigen. Für mich ist aber wichtig, dass wir darüber nicht andere soziale Bereiche vernachlässigen. Ich nenne nur die Stichworte Armut und Langzeitarbeitslosigkeit sowie das Thema Energiearmut.

Herr Rautenberg, was wird künftig Ihre Aufgabe sein?

Jens Rautenberg: Ich übernehme ab Januar die Koordination der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in NRW. Meine Erfahrungen, die ich aus der Arbeitsgemeinschaft der Diakonie und der LIGA in Rheinland-Pfalz mitnehme, sind für diese neue Aufgabe sicherlich wertvoll. Ich freue mich darauf, aber eines werde ich bestimmt vermissen: die kurzen Wege zur Politik.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Sabine Damaschke
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