26. August 2015

Verabschiedung von Dr. Uwe Becker

Engagierter Kämpfer für die Schwachen

Mit einem Festgottesdienst in der Düsseldorfer Melanchthonkirche ist der Vorstandssprecher der Diakonie RWL, Professor Dr. Uwe Becker, am Mittwoch offiziell verabschiedet worden. Der Theologe wechselt zum 1. September als Professor für Diakoniewissenschaft an die Evangelische Fachhochschule in Bochum. NRW-Sozialminister Guntram Schneider und der rheinische Präses Manfred Rekowski würdigten das leidenschaftliche Eintreten Beckers für die Schwachen. Becker selbst mahnte in seiner Predigt, Diakonie und Kirche müssten politischer werden.

Dr. Becker

Pfarrer Professor Dr. Uwe Becker

Für seine Predigt hatte der Vorstandssprecher die biblische Geschichte der Berufung Moses als Führer des israelitischen Volkes gewählt. „Ich empfinde diese Verse wie eine aus alten Zeiten aufgespülte Anfrage an unsere Mühe um Absicherung, um ein Verbleiben in der angenehmen Steppenlage“, sagte Becker. Moses Versuch, sich Gott zu nähern, ihn in Kategorien des eigenen Denkens und Erkennens einzuordnen, um das selbstgenügsame Leben in der Steppe bewahren zu können, entspringe dem  allzu menschlichen Wunsch nach einer planbaren Zukunft. Dies sei auch ein Impuls für jeden haushälterisch Verantwortlichen in Kirche und Diakonie.

Doch Gott entziehe sich jeglichem Zugriff menschlicher Bemühung um Absicherung, so Becker weiter. Die einzige Planungsgröße sei Vertrauen. „Keine Dome und keine Talare, kein Kronenkreuz und kein Reformationsjubiläum sind mehr als menschliches Getue, wenn Gottes Zusage fehlt: Ich werde mit dir sein“, mahnte der Theologe. Dabei sei die Wegbegleitung Gottes nicht beliebig, sondern leidenschaftlich auf ein Ziel gerichtet, vom Exodus des Volkes Israel aus Ägypten bis zu Jesu Tod am Kreuz: „Das Elend zu beenden.“

Die Abgründe der Flüchtlingspolitik benennen

In seiner Predigt verglich Becker den aufrechten Gang des Mose zum Pharao mit einer „politischen Konfrontation ohne Schmiegsamkeit und Vertrautheit in Hinterzimmern“. Der Vorstandssprecher forderte Kirche und Diakonie auf, insbesondere beim Thema Flüchtlingspolitik ganz klar Stellung zu beziehen. Zwar gehe es auch um Kooperationen mit der Politik, um die Suche nach Unterkünften, um eine Pragmatik der Humanität, „aber der Abgrund ist tiefer“.

Die Ursachen der Flüchtlingslage sind nach Ansicht Beckers politischer, militärischer und wirtschaftlicher Natur und das müsse lautstark benannt werden. Der Vorstandssprecher kritisierte den milliardenschweren Waffenhandel, die Subventionierung europäischer Produkte, die insbesondere afrikanische Märkte schädigten sowie die Abschottungspolitik Europas. „Die Humanität wird im Mittelmeer zu Grabe getragen.“

Kirche und Diakonie dürfen ihre Mission nicht verlieren

Becker mahnte aber auch, über den Flüchtlingen nicht all die anderen Schwachen der Gesellschaft zu vergessen wie die Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen und armen alten Menschen. Inmitten dieser Herausforderung dürfe aber nicht vergessen werden, dass auch Diakonie und Kirche ihre Häuser bestellen müssten, räumte der Theologe ein. „Umbau und Konsolidierung, Haushaltskürzungen und Budgetierungen, mittelfristig solide Finanzplanung, all das muss sein in Zeiten des kirchlich-diakonischen Umbruchs, auch für einen Spitzenverband der Diakonie.“

Darüber dürften Kirche und Diakonie aber nicht ihre Mission verlieren, so Becker. Er forderte Kirche und Diakonie auf, politische Missstände an den Pranger zu stellen und kategorisch zu bekämpfen. „Wenn Kirche und Diakonie ihre Mission verlieren und sich nicht politisch couragiert auf den Weg machen, dann werden sie nicht nur blass, profillos, unpolitisch“, mahnte der Vorstandssprecher, „sondern dann bleibt auch die Frage, ob die Verheißung erlischt, diese großartige und unübertreffbare: Ich werde mit dir sein!“.

Mit Kraft und Brillanz für die soziale Sache

Der rheinische Präses Manfred Rekowski dankte Uwe Becker für seinen engagierten Einsatz als Vorstand der Diakonie. In den elf Jahren seiner Tätigkeit habe er sich leidenschaftlich dafür eingesetzt, ‚das Elend zu beenden‘. Becker sei immer für die Rechte der Schwachen eingetreten und habe an wichtigen Stellen gesellschaftliche Fehlentwicklungen angemahnt, so Rekowski.

Der rheinische Präses warb dafür, bei Abschieden in der Diakonie „Gott ins Spiel zu bringen“. Wo immer Menschen zusammen arbeiten, bleibe am Ende das eine oder andere offen. „Unabhängig von unseren Leistungen leben wir davon, dass Gott unser Tun fördert und aus unserem Wirken Segensreiches entstehen lässt – manches für uns erkennbar, vieles aber auch im Verborgenen“.

Becker sei „ein engagierter Kämpfer für die gute Sache“, egal, ob es sich um das Thema Flüchtlinge, Armut, sozialer Arbeitsmarkt oder Inklusion handele, würdigte NRW-Sozialminister Guntram Schneider den scheidenden Vorstandssprecher. „Ich werde die interessanten Diskussionen mit ihm in den Gremien der Freien Wohlfahrtspflege und darüber hinaus vermissen“, sagte Schneider. Schneider erinnerte sich auch an viele kontroverse Gespräche mit Uwe Becker. Man sei sich öfter nicht in den Wegen, aber immer in der Zielsetzung einig gewesen. Er sei sich sicher, so Guntram Schneider, dass sich Becker in seinem neuen Amt als Professor an der evangelischen Fachhochschule Bochum „mit gleicher Kraft und Brillanz für die soziale Sache einsetzen“ werde.

Erfolgreiches Engagement für Diakonie und Wohlfahrtspflege

Pfarrer Jürgen Dittrich, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, dankte Becker für seinen tatkräftigen Einsatz für die Diakonie. Becker sei eine deutliche Stimme der Diakonie in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus gewesen. Er habe die Gabe gehabt, diakonische Positionen wahrnehmbar nach außen zu vertreten. Diese Gabe könne er auch bei seiner neuen Aufgabe fruchtbar werden lassen. „Denn wir benötigen in unseren Einrichtungen und Diensten Mitarbeitende, die gut ausgebildet sind und ‚Diakonie‘ in allen ihren Facetten buchstabieren können“, so Dittrich. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates würdigte auch das Engagement von Uwe Becker für die Zusammenführung der Diakonischen Werke Rheinland, Westfalen und Lippe zu einem starken, einheitlichen Spitzenverband. „Uwe Becker hat in seinen unterschiedlichen Verantwortungsbereichen im Zusammenwachsen mitgewirkt, so dass wir kurz davor stehen, wirklich ein Diakonisches Werk der drei Landeskirchen zu werden“, zeigte sich Dittrich optimistisch.

Ludger Jutkeit, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, dankte Becker für seinen Einsatz für die LAG, insbesondere für die Zeit des LAG-Vorsitzes 2006 und 2007. Durch die LAG und den starken Einsatz Beckers habe in wichtigen Feldern ein weiterer Sozialabbau verhindert werden können. Jutkeit erinnerte hierzu an die Kampagne „NRW bleib sozial“, an die Auseinandersetzungen um das KIBIZ-Gesetz und die Refinanzierung der Eingliederungshilfe. „Die Freie Wohlfahrtspflege verliert in Ihnen einen wichtigen Querdenker“, so Jutkeit.

Diakonie braucht Wissenschaft

Maria Loheide, sozialpolitischer Vorstand der Diakonie Deutschland, betonte noch einmal den Einsatz von Uwe Becker für das Zusammenführen der diakonischen Werke in Rheinland, Westfalen und Lippe. Sie erinnerte dabei aus eigenem Erleben an die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren: Das unterschiedliche Selbstverständnis der Diakonischen Werke, ihr unterschiedliches Verhältnis zu Fachverbänden, die unterschiedliche Verankerung der Diakonie auf der Ebene der Kirchenkreise und in den Gemeinden und die Art der Zusammenarbeit mit den großen Trägern. Von diesem Prozess war Maria Loheide als damalige Geschäftsführerin des Bereiches Familie, Bildung und Erziehung selbst betroffen gewesen.

Becker habe stets großen Wert auf wissenschaftliches Arbeiten gelegt, erklärte die Sozialexpertin. Als Vorstandsmitglied der Bundesdiakonie gehe sie davon aus, dass die Diakonie auf strategischer Ebene die Wissenschaft zur Vertiefung unbedingt brauche. „Und eben auch den zukünftigen Hochschulprofessor Becker.“

Wechsel zum 1. September

Der Vorstandssprecher der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe wechselt zum 1. September als Professor an die Evangelische Fachhochschule in Bochum. Dort lehrt er dann Diakoniewissenschaft, Sozialethik und Verbändeforschung. Der 56-jährige Kölner Theologe hat den Verband insgesamt elf Jahre geleitet.

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