2. März 2015

Zukunftsforum Diakonie Deutschland will strategiefähig werden

Diakonie will strategiefähig werden

Die Diakonie Deutschland will strategiefähig werden. So begründet Diakoniepräsident Ulrich Lilie die Reihe der Zukunftsforen, die jetzt im diakonischen Westen gestartet wurde. Die Foren sollen wesentliche Herausforderungen identifizieren, denen sich die Diakonie in den nächsten fünf bis sechs Jahren zu stellen hat. Als regionaler Gastgeber konnte die Diakonie-RWL etwa 80 Diakonievorstände und leitende Mitarbeiter in Düsseldorf begrüßen.

Herausforderungen in der deutschen Sozialpolitik

Einen kräftigen Impuls von außen für den diakonischen Denkprozess sollte eigentlich die prominente Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht liefern. Doch die brandaktuellen politischen Erfordernisse hinderten sie in letzter Sekunde nach Düsseldorf zu kommen: Wagenknecht musste an der namentlichen Abstimmung im Bundestag zu den Hilfen für Griechenland teilnehmen. So nahm der Kölner Politikprofessor Christoph Butterwegge den Weg nach Düsseldorf, um über „Zentrale Entwicklungen und Herausforderungen in der deutschen Sozialpolitik“ engagiert und kritisch-analytisch zu referieren.

Sinnkrise des Sozialen

Butterwegge konstatierte eine „Sinnkrise des Sozialen“, in der der Sozialstaat als „Klotz“ am Bein des Wirtschaftsstandorts Deutschland medial dargestellt werde. Tatsächlich zeichneten sich allerdings alle erfolgreichen Volkswirtschaften zugleich durch einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat aus. Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus habe eine Ungleichheitsgesellschaft hervorgebracht, die zu einer Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen geführt hat. Die neuen großen Erzählungen unserer Zeit wie Globalisierung und demografischer Wandel seien durch einen betriebswirtschaftlichen Tunnelblick getrübt. Auch scheinbar fortschrittliche Konzepte wie Teilhabegerechtigkeit sieht der Kölner Armutsexperte eher kritisch, denn nur wenn man Verteilungsgerechtigkeit erhöhe, verbessere man auch Teilhabechancen. Deutlich gesagt: „In einer Gesellschaft, in der das Geld so wichtig ist wie noch nie, soll Verteilung nicht mehr wichtig sein?“

Auf dem Weg zum Fürsorgestaat

Armut komme, so der Befund von Christoph Butterwegge, allmählich in der Mitte der Gesellschaft an, selbst die absolute Armut nehme zu. Während die Kinderarmut steigt, gibt es gleichzeitig so viele reiche Kinder wie noch nie. Begriffe wie Generationengerechtigkeit lenken in Butterwegges Sicht von der Wirklichkeit ab, entscheidend sei die soziale Ungleichheit innerhalb der Generationen. Den Sozialstaat traditioneller Prägung sieht der Sozialanalytiker auf dem Weg zum Fürsorgestaat.

Als Wissenschaftler fühlt sich Professor Butterwegge vor allem für die kritische Gesellschaftsdiagnose zuständig, Rezepte für die Zukunft will er nicht anbieten. Er skizziert immerhin Konturen eines „inklusiven Sozialstaats“, der um die solidarische Bürgerversicherung als Kernbestandteil herum als solide finanziertes und solidarisches Gemeinwesen neu gestaltet werden sollte. Erreichbar sei dies nur durch eine neue breite Bürgerbewegung aus Kirchen, Gewerkschaften und weiteren Oppositionsgruppen wie Attac. Dabei, so die Aufforderung von Butterwegge, müsse auch die Diakonie wieder mehr in politische Willensbildungsprozesse eingreifen. Es mangele nicht an Daten, so ein Spitzensatz des konzentrierten Vortrags, sondern an Taten.

Trendgalerie

Welche Trends bestimmen die Arbeit der Diakonie in den nächsten fünf bis sechs Jahren? Im Anschluss an den Impuls aus der Wissenschaft war eher das diakonische Erfahrungswissen der meist führend und leitend in diakonischen Unternehmen Engagierten gefragt. Aufgabe war, in intensiven Gruppendiskussionen Impulse für die Strategieplanung der Diakonie Deutschland zu setzen. So entstand eine „Trendgalerie“ von zehn dicht beschriebenen Papieren. Aus den Ausstellungsstücken dieser besonderen diakonischen Galerie sollen nun Werkstücke diakonischen Handelns werden. Die Rundreise der diakonischen Zukunftsforen, die in Düsseldorf begann, wird fortgesetzt in Leipzig, Hamburg und Frankfurt. Der Zeitplan ist ehrgeizig. Die Ergebnisse und Erkenntnisse der einzelnen Stationen werden dokumentiert und schon zum kommenden Jahr hin will man vom „Trendscouting“  zur Formulierung von Jahreszielen gelangen.

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